Die die-hards sind, mehr oder weniger, von derselben generation, um die 40 oder 50. In ermangelung von aufnahmegeräten musste in diesen frühen fernsehtagen jede sendung in echtzeit angesehen werden. Für Deutschland kommt hinzu, dass es nur zwei oder zweieinhalb sender gab (ARD, ZDF, die regionalen Dritten mit nur wenigen stunden täglicher sendezeit). Zerklüftete fernsehverhältnisse mit hunderten frei empfangbarer sender sowie werbeunterbrechungen in filmen und serien kannte man allenfalls vom hörensagen aus den USA. Und das heißt: Fernsehen war jung und neu; fernsehen war stadtgespräch; das fernsehen selbst war die botschaft! Und die serie NUMMER 6 machte ihren eigenen diskurs über die medialen verhältnisse auf.

What was the question again? Why is THE PRISONER so special? Well, here's your answer: THE PRISONER taught me about life!

Nicht zuletzt, es war im jahr 1969 nicht selbstverständlich, eine sendung sehen zu dürfen, von der meine eltern vermutlich selber nicht wussten, was sie davon zu halten hatten, wenn sie sie überhaupt ansahen.

Most television programs, both in the late 1960s and still today want to give the viewers a nice, tidy, well-rounded conclusion in which any questions that have been presented are fully-answered. What makes THE PRISONER both special, and at times frustrating, is the lack of answers at the end of each episode and at the end of the entire series.

Von denen, die NUMMER 6 machten, dachte wahrscheinlich keiner darüber nach, was man alles in die storys hineinlesen würde. Aber irgendwie - bewusst oder unbewusst - wurde daraus etwas, das man das erste fernsehkunstwerk nannte, ein echter klassiker, ein kultprogramm, wie man heute sagt. NUMMER 6 wendet sich an alle, es ist ein spiegelbild unseres lebens. Wie es McGoohan figur und die im Village zu sagen pflegen: "Wir sehen uns." Das sagt alles, wirklich.

Jahrzehntelang war NUMMER 6 aber nichts weiter als eine zeitkapsel der erinnerung, verblassende vage bilder.

Alles in allem ist NUMMER 6 niemals verblasst und übt heute die gleiche, ja noch mehr faszination aus als damals. McGoohan wirkte modern. Auch daran hat sich nichts geändert. Die figur und das outfit seiner NUMMER 6 war, blieb und ist einfach zeitlos.

Glücklicherweise war inzwischen der videorecorder erfunden worden. Das gab den startschuss, sich intensiver mit NUMMER 6 zu beschäftigen, vergessenes aus der versenkung zu holen und recherche zu betreiben.

McGoohan hat mit THE PRISONER etwas geschaffen, das nach ihm vermutlich erst David Lynch mit TWIN PEAKS wieder gelungen ist: eine serie, die dem oberflächlichen betrachter relativ belanglos und durchschnittlich erscheint, in der sich für den intelligenten, fordernden zuseher aber wahre abgründe auftun. So, wie manch einer TWIN PEAKS als bloße mystery-soap abtun mag, ist THE PRISONER für beiläufige seher eine agentenserie mit SciFi-einsprengseln und keine in ihrer theatralik hochallegorische (und fortschreitend allegorischer werdende) abhandlung über themen des damaligen zeitgeschehens und vor allem über den kampf zwischen establishment und individuum.

In short, we would not be talking about the show still if it did not apply in some way to our life.

Fernsehserien gehörten und gehören zur alltäglichen kultur - in Deutschland lange zeit nicht, vermutlich heute noch nicht richtig. In Deutschland herrscht schubladendenken: "E" wie ernst und "U" wie unterhaltung, hoch- und trivialkultur. Nicht zu vergessen, das mantra des öffentlich-rechtlichen "bildungsauftrags" der massenmedien, und alles streng voneinander getrennt, nur im jeweiligen fachbereich erhältlich. Was nicht ins eigene fach passt, wird ausgeblendet. Scheuklapp rules.

We are intended to sympathize with Number Six and rebuffed when we do. Thus, THE PRISONER series is special because viewers are fascinated by the injustice of imprisoning an innocent man, but are simultaneously discouraged by their detachment from the protagonist, a unique dichotomy in film.

Die serie NUMMER 6 transportierte das bild einer realität, das nur wenige millimeter versatz von dem unseren des jahres 1969 hatte... Der versatz beider realitätsbilder ist beinahe infinitesimal knapp, sprich: kongruent geworden. Das ist der mehrwert der serie, der sie hat überdauern lassen. Für eine fernsehserie war das verdammt allerhand.

I think that because we do not fully understand what is happening at all times we become even more engaged. In this sense, THE PRISONER has a lot of hidden messages that someone is always trying to figure out.

Wäre an der produktion alles nach plan und in normalen bahnen verlaufen und hätte man sich an die "realistische herangehensweise" gehalten, wie George Markstein es ursprünglich wollte, dann wäre daraus wahrscheinlich eine ganz andere fernsehserie geworden - gut gemacht, ganz interessant, aber auch ohne überraschungen und durchschnittlich. Aber gerade darum geht es in NUMMER 6 nicht. Es muss nicht sinn machen, muss nicht etwas bedeuten. Um die worte von Nummer Sechs aus "Die Glocken von Big Ben" zu benutzen: Es bedeutet, was es ist! Und bevor sie fragen - ich weiß auch nicht, was das bedeuten soll.

NUMMER 6 ist eine serie mit sehr vielen facetten, jedoch nicht der beliebigkeit. Alles ist eine frage der perspektive, und davon gibt es viele: im leben, in theorie und praxis, in der serie NUMMER 6, und auch am original drehschauplatz in Portmeirion. Denn dieser ort ist ganz nach prinzipien des schauwerts aufgebaut.

Das ganze ist eher eine gemeinsame kurze, aber äußerst interessante, mitreißende und vor allem ambivalente entdeckungstour ins menschliche.

The facts that THE PRISONER has sustained such a large fan following for so long, has inspired academia, and has themes that can relate to society over forty years after its production prove how special this television series is.

Erstaunlicherweise konnte ich mich in den folgenden jahren auch nicht an bilder aus der serie erinnern. Was aber deutlich vorhanden war, war der eindruck, etwas "wichtiges", "geheimnisvolles" und "exzeptionelles" gesehen zu haben.

In einer zeit ohne maps.google, google.earth und routenplaner hieß es landkarten und reiseführer konsultieren! In dieser zeit fuhren die menschen scharenweise ins Glottertal auf der suche nach der SCHWARZWALDKLINIK - und wir 1991 ins reale Village nach Portmeirion. Und wir wurden fündig: The Village - der Ort - das haus von Nummer Sechs - die PRISONER Convention.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie aktuell die Serie noch ist, vielleicht aktueller als je zuvor.

THE PRISONER confirmed many beliefs for those that suspected governments of constant surveillance. It questioned meanings of being free and freedom; what do they mean, does anyone really have it, can we make our own choices, live they way we choose, or is it all served to us and we take it for face value and become mindless drones to society?

Selbst 40 Jahre nach der erstaustrahlung hat diese TV-serie nichts von ihrer faszination eingebüßt. Ganz im gegenteil, durch den massiven eingriff des deutschen staates u.a. auf die rechte eines jeden b ürgers ist diese serie aktueller als je zuvor.

The show allows everyone to feel unique and special because they have a different interpretation. All of these variations bring people together and create dialogue between people who may never have spoken. In these two ways, THE PRISONER accomplishes what most television shows and most people only dream of accomplishing.

Das besondere der serie ist für mich persönlich die vielschichtigkeit der story. Soziologische und philosophische gedanken bilden oft die grundlage für die einzelnen episoden. Was ist real und was ist fiktion? Wie ist die psyche des menschen beschaffen? Welche mächte beherrschen mich? Was bedeutet freiheit? Ein großes feld für interpretationen und diskussionen tut sich da auf. Das macht die serie so einzigartig!

An dieser stelle berührt die fernsehserie NUMMER 6 das literarische werk von Franz Kafka. Und wahrscheinlich liegt hier der grund, warum man seither manche filme und auch fernsehserien als "prisoneresk" bezeichnet.

Es ist nahezu unmöglich, die serie in eine der bekannten kategorien der fernsehunterhaltung einzuordnen, zumal der begriff der "mystery-serie" noch nicht erfunden war.

Number Six is unabashed and bitter – he has reason to be. Within the context of the Village his demeanor rarely changes – but when he leaves in "Fall Out" we suddenly see a man subtly change, dancing and singing. It’s an acting/ directing/ producing/writing decision that marks THE PRISONER as both a shove-it-down-your-throat allegory and a subtle, subtle character stuffy.

THE PRISONER is special because it is groundbreaking. Never before had a show taken so many chances with their audience, and had it pay off to such a spectacular degree.

The Prisoner Nummer 6


NICHT VERGESSEN, SICH FÜR DEN AUFENTHALT
ZU BEDANKEN!

SITEMAP

Serien gehören zum bodensatz des fernsehens, omnipräsent und so unendlich wie das medium selbst. Die wenigsten kratzen auch nur an der unterseite unserer aufmerksamkeitsschwelle.
UNWAHRSCHEINLICHE GESCHICHTEN war eine, die es tat, der klassiker TWILIGHT ZONE.
Dieser titel steht ein für alles, was mit dem begriff TV-magic verbunden ist.

Fantastisches fernsehen
der 60er jahre, das ist
auch eine beschwörende formel:
"Wir sehen uns!"
oder L'année dernière
au Village:

BLICK:

 

SEITENBLICK:

ANDERSWO GELESEN
 

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BEITRÄGE VON...
 

INTERVIEWS:

Nr6DE MIT
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MARY MORRIS, N. WEST
UWE HUBER MIT
HORST NAUMANN
Nr6DE MIT
STEVE RAINES
DAVE BARRIE MIT
IAN L. RAKOFF
HARALD KELLER MIT
BERND RUMPF

Die aktivitäten von Nr6DE, videos und bilder von den fahrten zu den PRISONER-conventions oder unseren treffen, werden nicht nach neumodischer sitte "geteilt". Einblick erhält, wer nicht bloß "liked", sondern sich wirklich dafür interessiert. All die können gern zu uns stoßen und eine DVD bekommen.

 

 
VILLAGE BOOK SHELF - QUELLENLISTE RUND UM NUMMER 6
 

 

Im jahr 2009, zum 40. jahrestag der deutschen fernsehpremiere von NUMMER 6, hatten wir gefragt: Was ist besonders an NUMMER 6? Was ist es, das Sie an den haken genommen und nicht wieder los gelassen hat? Was ist das spezifische daran, dass man spätere televisionäre und filmische produkte sogar mit dem attribut "prisoneresk" belegt hat? Diese rubrik steht weiterhin für beiträge, erinnerung oder theorie, zur verfügung. Don't be shy!

Die hier veröffentlichten beiträge suchen, jeder auf seine weise, antworten auf diese fragen. Mit großem dank an die autoren!

Von Arno Baumgärtel
Von hause aus germanist (aber wer ist das schon?), betreiber dieser website nummer6-theprisoner.de

Für die Bundesrepublik Deutschland, aber auch für Frankreich und die USA stellen die jahre 1967 und 1968 historische einschnitte, regelrechte landmarken dar. Dazu ein paar stichworte:

• Auf den straßen und an den universitäten formiert sich seit mitte der 60er jahre die APO, die außerparlamentarische opposition, die studentenbewegung, gegen die strukturelle kontinuität der nationalsozialistischen vergangenheit der Bundesrepublik und personifiziert in Kurt-Georg Kiesinger, dem kanzler der ersten großen koalition mit Nazi-vergangenheit; für mehr mitspracherechte an den ordinarienuniversiäten und gegen den krieg der USA in Vietnam. Als ihr mastermind und sprecher gilt der student Rudi Dutschke.
• Am 2. Juni 1967 erschießt ein polizist in Berlin am rande einer demonstration gegen den Shah von Persien den unbeteiligten studenten Benno Ohnesorg aus kurzer distanz. Die politische und gesellschaftliche situation radikalisiert sich.
• Ein rechtsradikaler verübt im April 1968 einen mordanschlag auf Rudi Dutschke, an dessen spätfolgen er 1979 stirbt. Es kommt zu gewaltsamen protesten gegen die Springer-Presse, vor allem gegen die "Bild"-zeitung.
• Im Mai 1968 beschließt der Bundestag die seit jahren heftig umstrittenen notstandsgesetze, durch die viele die einschränkung der grundrechte befürchten.
• Auf dem CDU-bundesparteitag im November 1968 wird bundeskanzler Kiesinger wegen seiner nationalsozialistischen vergangenheit von Beate Klarsfeld "Nazi, nazi, nazi!" rufend geohrfeigt.
• Der Pariser Mai 1968 mit studentenprotesten führt in Frankreich zu einem generalstreik.
• Im August 1968 wird der "Prager Frühling", die vorsichtigen reformansätze der politischen führung der (damaligen) Tschechoslowakei durch die militärische intervention von truppen aus der (damaligen) Sowjetunion und des Warschauer Paktes blutig zerschlagen.
• Im April wird in den USA Martin Luther King, wortführer der bewegung gegen die rassendiskriminierung, in Memphis erschossen; im Juni Robert Kennedy, präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei und bruder des 1963 ermordeten J.F. Die protestaktionen gegen die kriegsführung der USA in Vietnam greifen weiter um sich, zumal die nordvietnamesische "Tet"-offensive zwar militärisch ein misserfolg ist, jedoch die kriegsgegner politisch stärkt. Zu ruhm gekommen 1968 beim nationalkongress der Demokatischen Partei in dem ausruf: "The whole world's watching!"

Dagegen führt das jahr 1969 ein bisschen ein schattendasein. Dabei hat auch 1969 einiges vorzuweisen, wie zum beispiel:

• Die erste ZDF-Hitparade wird im Januar 1969 gesendet.
• In der dauerkrimiserie DER KOMMISSAR verkörpert Erik Ode in der titelrolle das gesellschaftliche vorbild der bundesdeutschen nachkriegszeit.
• Richard Nixon wird neuer, der 37. US-präsident.
Willy Brandt wird nach der bundestagswahl 1969 der erste sozialdemokratische Bundeskanzler in einer SPD/FDP-koalition.
• Das festival von Woodstock läuft organisatorisch völlig aus dem ruder und wird doch zum inbegriff der hippie- und love & peace-bewegung.
• Neil Armstrong ist am 21. Juli der erste mensch auf dem Mond.
• Die erste staffel von MONTY PYTHON'S FLYING CIRCUS hat bei der britischen BBC premiere.
• Im ZDF läuft am 16. August erstmals die serie NUMMER 6.

1969 war ein jahr der zäsur, im alter von 13 jahren. Die familie zog nach Freiburg im Breisgau um. Ich musste mich nicht nur in der schule eingewöhnen. In dieser zeit war das interesse an naturwissenschaft und technik allgemein groß. Passend dazu landete Apollo 11 am 20. Juli auf dem Mond. Ein ereignis, das ich wegen des umzugs live gar nicht erleben konnte. Am 16. August 1969 lief im ZDF eine neue serie mit dem titel
NUMMER 6 an. In den fernsehzeitschriften markierte ich immer die sendungen, die ich auf jeden fall ansehen wollte. Und wahrscheinlich waren es die stichworte "utopische serie", "phantastische serie" oder "science-fiction-serie", mit denen die reihe beschrieben wurde, die mich als begeisterter gucker der vorabendserie UNWAHRSCHEINLICHE GESCHICHTEN neugierig machte (wie sich viel später herausstellte, handelte es sich dabei um die TWILIGHT ZONE). Und außerdem fiel der etwas seltsame titel NUMMER 6 unter all den übrigen serientiteln auf. Ganz bestimmt spielte eine rolle, dass der hauptdarsteller derselbe war wie der in der beliebten, nicht einmal 30-minütigen vorabendserie GEHEIMAUFTRAG FÜR JOHN DRAKE, nämlich Patrick McGoohan.

NUMMER 6: DEUTSCHE TV-PREMIERE 1969
PATRICK McGOOHAN 19.03.1928 - 13.01.2009
CHRONIK 1969 - mehr...

MEHR: VILLAGE STORY BOOK
BLICK: NUMMER 6 - PRISONER CONVENTION

Dummerweise habe ich keine erinnerung mehr, ob ich die erste episode von NUMMER 6 überhaupt gesehen habe - möglicherweise gar nicht... Das nächste, woran ich mich erinnere, ist die titelsequenz der serie, die sich in fast jeder episode wiederholt. Darin wird die vorgeschichte erzählt, wie er seine kündigung einreicht, betäubt wird, und im Village erwacht, bis die jeweilige episodenhandlung beginnt. Am ende jedes vorspanns ein prolog, der einen förmlich an den sessel ketten musste:

- Wo bin ich?
- Sie sind da.
- Was wollen sie?
- Informationen.
- Auf wessen seite sind sie?
- Wir sind auf der richtigen seite. Wir wollen informationen...
- Ich sage nichts.
- So oder so, sie werden sprechen.
- Wer sind sie?
- Die neue Nummer Zwei.
- Wer ist Nummer Eins?
- Sie sind Nummer Sechs.
- Ich bin keine nummer, ich bin ein freier mensch!

... sardonisches gelächter.

Diese Nummer Zwei - wie auch alle anderen noch folgenden - unternimmt den versuch, unseren mann ohne namen dazu zu bringen, die gründe des rückzugs von seinem job offen zu legen. Haarklein will man alles wissen. Und Nummer Sechs weigert sich standhaft, auch nur irgendetwas von sich preiszugeben oder zu kooperieren: "Ich lasse mich nicht zwingen, stoßen, abstempeln, einstufen, werten, abwerten oder nummerieren. Mein Leben gehört mir."

Mir blieben nur lückenhafte eindrücke und bilder zurück, vielleicht vermischt mit den bildern der 1972er wiederholung:
• der serienvorspann mit diesem faszinierenden auto,
• der geheimnisvolle ort und die pittoreske umgebung zwischen meer und bergen
• abgesehen von der eher grimmigen hauptfigur Nummer Sechs waren da immer heitere menschen in bunten pullovern und mit sonnenschirmen, die sich mit "Wir sehen uns!" begrüßten. Das klang schon damals in meinen ohren eher wie eine drohung.
• Am schluss jeder folge das gesicht hinter den zusammenschlagenden gefängnisgittern und die deprimierende aussage: wieder nicht entkommen!
• Und schließlich ein komischer weißer ballon, der immer mit gebrüll herbeikam und imstande war, leute zu ersticken.
Dieser ballon war genau wie das hochrad, das auf ansteckern und plakaten zu sehen war, ein wichtiges visuelles vehikel und markenzeichen für die serie. Außerdem erinnerte der ballon mich immer an das raumschiff Orion - nur drei jahre vorher war das im fernsehen gewesen - wahrscheinlich, weil er auch aus dem meer herauskam.

Aber verdammt: Worauf lief das alles hinaus? Wer siegt hier am ende? Gelingt ihm die flucht? Wer zum teufel ist Nummer Eins? Was sollte das ganze überhaupt?

Mehr als vier, fünf komplette folgen dürften es nicht gewesen sein, die ich sehen konnte. Und das lag zum einen an der unmöglichen sendezeit: samstagnachts irgendwann nach dem Aktuellen Sportstudio; außerdem an der gefühlten jahrelangen wartezeit zwischen zwei episoden. Und nicht zuletzt, es war im jahr 1969 nicht selbstverständlich, eine sendung sehen zu dürfen, von der meine eltern vermutlich selber nicht wussten, was sie davon zu halten hatten, wenn sie sie überhaupt ansahen.

Die sache NUMMER 6 schlief dann relativ schnell ein, um 1972 für einen moment ins bewusstsein zurückzukehren, als das ZDF sieben episoden wiederholte. Jahrzehntelang war NUMMER 6 aber nichts weiter als eine zeitkapsel der erinnerung, verblassende vage bilder. Hilfreich mag für meine erinnerung gewesen sein, dass unser held Nummer Sechs in dem augenblick, als er aus der betäubung erwacht, einem lehrer der grundschule, zugleich fußballspieler beim örtlichen verein, ähnlich sah. Bildete ich mir zumindest ein.

Wir machen einen zeitsprung... in die 80er jahre, die gekennzeichnet waren durch arbeit in universitären gremien. Stellenbesetzungsverfahren, kapazitätsverordnungen, hoch komplizierte materie und vor allem festgefahrene strukturen. Wenn in einem berufungsverfahren ein von studentischer seite befürworteter professor überhaupt in die engere auswahl kam und schwerpunkte wie medien, film, fernsehen und populäre kultur mitbrachte, standen die chancen gut, dass ver om etablierten kollegium hinterrücks abgebügelt wurde. Andere verschenkten ihren stoff unter dem gängigen kritischen stichwort "didaktik der massenmedien" an lehramtsstudenten. Der kampf gegen den bau von atomkraftwerken, die Startbahn West am Frankfurter flughafen, die volkszählung, die geplante verkabelung der republik und das politisch durchgedrückte privatfernsehen standen in dieser zeit auf der agenda und versetzten große teile der bevölkerung und der undogmatischen linken in heftige erregung.

Letzten endes zogen die (damals) "neuen medien" in gestalt des kabelanschlusses auch in eher linke wohngemeinschaften ein, und das hatte durchaus seinen vorteil, denn nur so war es möglich, zu beginn der 90er jahre die komplette deutsche staffel von NUMMER 6 wiederzusehen. Erst viel später erfuhr ich, dass SAT1 die serie schon mitte der 80er wiederholt hatte, was jedoch komplett an mir vorbeigegangen war. Keine zeit für NUMMER 6.

Glücklicherweise war inzwischen der videorecorder erfunden worden. Das gab den startschuss, sich intensiver mit NUMMER 6 zu beschäftigen, vergessenes aus der versenkung zu holen und recherche zu betreiben. Amerikanische literatur über fernsehserien fiel mir in die hände. Denn auf deutsch war so gut wie nichts zu bekommen. Auf diesem weg erfuhr man, dass es vier episoden gar nicht auf deutsch gab - und auch dafür war bald eine videoquelle aufgetan. Die literatur wies auch den weg in den "Ort" der gefangenschaft von Nummer Sechs, den es wirklich gibt: Portmeirion im norden von Wales.
Landkarten und reiseführer waren die informationsquellen in einer zeit ohne maps.google, google.earth und routenplaner. Damals fuhren die menschen scharenweise ins Glottertal auf der suche nach Dr. Brinkmanns SCHWARZWALDKLINIK - und wir 1991 ins reale Village nach Portmeirion. Und wir wurden fündig: The Village - der Ort, das haus von Nummer Sechs, die PRISONER-Convention, und dazu ein bombenwetter, von dem die Waliser heute noch sprechen.

Viele menschen bewundern oder lieben - auf ihre art - den hauptdarsteller, produzenten und regisseur Patrick McGoohan, der am 13. Januar 2009 mit fast 81 jahren gestorben ist. Manche finden die production values der serie hervorragend (und sie sind es tatsächlich), oder die mehr oder weniger versponnenen stories. Wieder andere finden besonderen gefallen am ort der handlung, dem besagten Portmeirion in Wales, eine siedlung wie ein traum, oder aber aus einem alptraum.

Seltsamerweise hatte und hat für mich das im vorspann immer wieder zu hörende credo der hauptfigur: "Ich bin keine nummer, ich bin ein freier mensch!", das bestreben von Nummer Sechs', ein individuum und frei zu sein nicht den stellenwert wie für andere. Eher ist es die kombination aus handlung, dieser von grund auf widersässigen figur Nummer Sechs, dem set-design und dem fraglosen surrealismus darin, was mich an der serie angesprochen hat und noch immer anspricht. Das ganze ergibt deutlich mehr als die summe seiner bestandteile.
Obwohl durchaus "realistisch" in der schilderung, entziehen sich die geschehnisse einem, sind nicht richtig greifbar. Sie erzeugen ein unbehagen. Dialoge sind oft verknappt und mehrdeutig, ergehen sich in anspielungen oder sind sogar gelegentlich völlig abwesend. Einzelne szenen und augenblicke in der serie - für meinen geschmack eher noch zu wenige - rufen hier ein gefühl der unbestimmtheit, des vagen, ja der indifferenz hervor, an der jegliche subversion abzuprallen scheint. In anderem kontext wurde diese chiffre für die spät- oder postkapitalistische gesellschaft als "repressive toleranz" bezeichnet.

Die serie NUMMER 6 - das freilich eine feststellung im nachhinein - transportierte das bild einer realität, das nur wenige millimeter versatz von dem unseren des jahres 1969 hatte, und das mir später in manchen romanen und storys von Philip K. Dick wieder begegnete. 40 jahre weiter ist die science-fiction an NUMMER 6 längst kalter kaffee und - nebenbei bemerkt - gerade der lächerlichste teil daran, das monster, der weiße ballon Rover, bleibt als sinnbild höchst aktuell. Schrankgroße supercomputer dagegen, kabelfernsehen und kabelloses telefon, ständige kameraüberwachung der alltäglichsten bereiche, folter, physische und psychische konditionierung sowieso, der mensch als profil von kolonnen von zahlen und nummern in datenbanken... Der versatz beider realitätsbilder ist beinahe infinitesimal knapp, sprich: kongruent geworden. Das ist der mehrwert der serie, der sie hat überdauern lassen. Und je unreifer man selber noch der welt gegenüberstand - vulgo: je jünger man war - desto befremdlicher mussten einem die geschehnisse auf dem bildschirm vorkommen.
Für eine fernsehserie war das verdammt allerhand.

An dieser stelle berührt NUMMER 6 das literarische werk von Franz Kafka. Und wahrscheinlich liegt hier der grund, warum man seither manche filme und auch fernsehserien als "prisoneresk" bezeichnet. Schließlich gibt es eine folge NUMMER 6, die sehr deutlich - nicht nur, aber auch Kafka ist: die episode "Die Anklage", im original "Dance Of The Dead". Bis in einzelne einstellungen hinein hat man sich hier den Orson-Welles-film DER PROZESS aus dem jahr 1962 buchstäblich als vorbild genommen. Liest man dagegen über die produktionsumstände dieser episode, erweist sich, dass der surrealismus von NUMMER 6 ganz und gar nicht ein durchgeplantes konstrukt ist, sondern das ergebnis einer reihe von zufällen, die sich dem rationalen zugriff meistens entziehen - was also durchaus im geist der surrealisten wäre.

Als quintessenz bleibt für mich, das kunstwerk NUMMER 6 ist deutlich klüger als sein schöpfer.

Bei der beschäftigung mit der faszination NUMMER 6 sind in jedem fall auch individuelle, biografische und soziokulturelle faktoren entscheidend:

- Hattet ihr schon einen fernseher?
- Wie alt warst du, als die serie das erste mal lief?
- Durftest du überhaupt fernsehen?
- Wie lange am tag?
- Was durftest du sehen?
- Was hast du meistens gesehen?

Die die-hards sind, mehr oder weniger, von derselben generation, um die 50. In ermangelung von aufnahmegeräten musste in diesen frühen fernsehtagen jede sendung in echtzeit angesehen werden. Für Deutschland kommt hinzu, dass es nur zwei oder zweieinhalb sender gab (ARD, ZDF, die regionalen Dritten mit nur wenigen stunden täglicher sendezeit). Zerklüftete fernsehverhältnisse mit hunderten und mehr frei empfangbarer sender sowie werbeunterbrechungen in filmen und serien kannte man allenfalls vom hörensagen aus den USA. Und das heißt auch noch 1969:
Fernsehen war jung und neu.
Fernsehen war stadtgespräch.
Das fernsehen selbst war die botschaft!

Und die serie NUMMER 6 machte ihren eigenen diskurs über die medialen verhältnisse auf.

Für andere leute meines alters bedeutet fernsehen allerdings nicht zwangsläufig dasselbe oder überhaupt etwas. So hat meine frau weder all die serien gesehen, noch hat sie sie wie ich gesehen. Fernsehen selbst bedeutet für sie etwas ganz anderes. Zuschauer bzw. fans in Großbritannien haben wieder einen ganz anderen zugang. McGoohan war überaus beliebt und bekannt - das war er auch hier. THE PRISONER lief dort aber nicht zu nachtschlafender zeit. Fernsehserien gehörten und gehören zur alltäglichen kultur - in Deutschland lange zeit nicht, vermutlich heute noch nicht richtig. Denn in Deutschland herrscht schubladendenken: "E" wie ernst und "U" wie unterhaltung, hoch- und trivialkultur. Nicht zu vergessen, das mantra des öffentlich-rechtlichen "bildungsauftrags" der massenmedien. Und alles streng voneinander getrennt, nur im jeweiligen fachbereich erhältlich. Was nicht ins eigene fach passt, wird ausgeblendet. Scheuklapp rules.

Der umgang britischer fernsehsender mit ihrer seriengeschichte ist völlig anders als hierzulande.
So wurde THE PRISONER anlässlich des 80. geburtstages von McGoohan im März 2008 ebenso landesweit wiederholt wie nach seinem tod. Das für herbst 2009 angekündigte PRISONER-remake in sechs teilen schlug vergleichsweise hohe wellen. Dagegen weiß man beim ZDF in der pressemitteilung zum tod McGoohans nicht einmal mehr, dass man diese serie 1969 im eigenen programm hatte. Andere hätten sich für so einen eintrag im portfolio ein bein ausgerissen. Die erinnerung stirbt mit den beteiligten personen. Aber abgesehen davon, hält der sender den erzählstil sowieso für (zitat) "unzeitgemäß". Über die güte des erzählstils von serien wie die erwähnte SCHWARZWALDKLINIK, DER BERGDOKTOR, ROSAMUNDE PILCHER, DER ALTE oder heutzutage SOKO und so weiter und so fort wollen wir an dieser stelle lieber nicht räsonnieren.

NUMMER 6 ist eine serie mit sehr vielen facetten, jedoch beliebig ist sie nicht. Alles ist eine frage der perspektive, und davon gibt es viele: im leben, in theorie und praxis, in der serie NUMMER 6, und auch am original drehschauplatz in Portmeirion. Denn dieser ort ist ganz nach prinzipien des schauwerts aufgebaut. Das ist für mich das besondere an NUMMER 6.

In gesprächen erfährt man regelmäßig, dass die meisten NUMMER-6-fans die serie noch aus den zeiten der erstsendung 1969 bzw. der erstwiederholung 1972 kennen. Entsprechend sind die allergrößten fans heute in ihren mittleren bis späten 40ern oder deutlich über 50. Jüngere menschen kommen auf NUMMER 6 fast immer durch mediale querverweise, anspielungen in der zeichentrickserie THE SIMPSONS, bekenntnisse des LOST-erfinders Abrams oder sound-samples in einem titel von Iron Maiden.

2006 geschah, was man als fan der ersten stunde kaum für möglich gehalten hatte: KOCH-MEDIA brachte die erste deutsche home-video-fassung von NUMMER 6 heraus, komplett, also auch die vier niemals synchronisierten episoden, plus zwei alternative versionen bekannter episoden, dazu diverses zusatzmaterial. Das erscheinen der DVD-box zog bisher vier treffen nach sich, 2007 und 2008 in Wiesbaden, 2009 und 2010 in Gießen. Ausgangsüberlegung war zu testen, wie denn die resonanz auf diese 40 jahre alte serie heutzutage noch ist. Und um das glück nahezu vollkommen zu machen, brachte nicht das ZDF, sondern das ebenfalls öffentlich-rechtliche ARTE 2010 NUMMER 6 zurück ins deutsche fernsehen, und das mit einem regelrechten paukenschlag, nämlich der erstsynchronisation der vier nicht-deutschen episoden von 1969. Koch-Media wiederrum brachte die DVD erneut heraus und als premiere auch eine BD-version.

Am beginn dieser website stand kaum mehr als der basisartikel von rund zwölf schreibmaschinenseiten. Vielleicht ist es ein bisschen wie in Arthur C. Clarkes kurzgeschichte "Die neun Milliarden Namen Gottes": Wenn das letzte zeichen über die serie geschrieben worden ist, hört die welt hört auf zu existieren, weil dann alle namen Gottes - Patrick McGoohan wurde wegen seiner großen einflussnahme auf die produktion halb scherzhaft als solcher bezeichnet - in der welt und ausgedrückt worden sein werden. Aber das steht freilich auf einem ganz anderen blatt...

Wir sehen uns!

NUMMER 6: DEUTSCHE TV-PREMIERE 1969

 


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