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TEXTE ZUM FILM

 

IN THE CUT
Regie: Jane Campion
USA 2003

Von Maggie Thieme

New York City ist voller sanfter Irrer. Leider sind manchmal auch weniger sanfte dabei. Bei ihrer Suche nach einem wirklichen Mann, einer unverfälschten Sprache , kurz dem wirklichen Leben, driftet die Englisch-Dozentin Frannie Avery sonambul durch ihr von einem zu engen Gürtel zusammengehaltenes Dasein und kommt dabei dem tödlichen Irrsinn gefährlich nahe.

 

Man möchte sie zurückreißen, wenn sie sich in den Hexenkessel begibt, aber schnell pinnt uns die Zentrifugalkraft unseres eigenen Voyeurismus in die Sessel und wir entkommen dem Karussel der immer undurchsichtigeren Männer-Bekanntschaften nicht mehr.

Jenseits aller dogmatischen Einflüssen war Jane Campion schon immer eine Meisterin darin, alle Sinne anzusprechen, und gleichzeitig auf die Beschränktheit der Wahrnehmungsorgane hinzu weisen. Fast wie in einem IMex-Kino rumpeln wir mit der U-Bahn dahin, sehen aber immer nur Ausschnitte. Wie stellvertretend “Every” - Girl Frannie für uns, die sich von ihren Vorlieben, Begierden und Ängsten die Stückchen auf ihrem Teller arrangieren läßt. Appetitliche und weniger appetitliche Stückchen des schmuddeligen Kuchens NYC, bestehend aus Poesie, Sex, Angst vor Nähe und Tod.

Die schmalen Schnitte auf Downtown Manhattan, lassen die Hitze, den Rhythmus der Stadt fühlbar werden, zeigen aber auch Frannies zunehmend eingeschränktere Wahrnehmung, wenn ihr Blick sich beim Willen genauer hinzusehen, verengt. Und sie die Ränder, auf die sich der dreckige Fettfilm der Stadt legt, aus den Augen verliert.

Ganz anders das obskure Objekt Frannie’s Begierde, der Bulle Malloy. Er hat einen ausgeprägten Sinn fürs Detail, aber er ist Cop und darf das Ganze nicht aus den Augen verlieren. Im Gegensatz zu seiner Direktheit umgibt ihn auch eine aufreizende Aura der Vagheit, die ihn höchst verdächtigt macht.
Das Empfinden eines verläßlichen Gefühls für Nähe und Distanz scheint allen Protagonisten abhanden gekommen zu sein. Auf der schiefen Ebene zwischen Passivität, Stalkerzwängen und lebensbedrohlichen Obsessionen, kommt es immer wieder zu Unfällen, die zu existentiellen Schnitten führen.
Hilfe könnten Landmarken undSymbole bieten. Aber auch auf die ist kein Verlaß mehr. Dinge, die wir wahrnehmen sind nicht immer die für die sie stehen. Symbole können verloren gehen, sich schlicht verdoppeln oder einfach die Farbe wechseln.

In the Cut, auf den ersten Blick ein einfacher Thriller, ist so vielschichtig, wie ein gutes Pathologie-Skalpell Gefrierschnitte liefern kann. Als Zugabe legt eine wunderbar aschenputtelige Meg Ryan, ihr nettes Uptown-Girl-Image ab und darf zur Belohnung endlich einen echten Orgasmus erleben. Jane Campion.

Text: Maggie Thieme, 2005; mit freundlicher Erlaubnis der Autorin

 

Arno Baumgärtel
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