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TEXTE ZUM FILM

 

Kino ist Krieg:

FULL METAL JACKET
Regie: Stanley Kubrick
USA 1987

1. Die Filme Stanley Kubricks teilen alle das gleiche schicksal. Bei der erstaufführung mit mäßiger oder zwiespältiger resonanz aufgenommen, entwickeln sie sich mit der zeit zu dauerbrennern und longsellern des kinos. Ein gewisser nimbus eilt dem regisseur zudem voraus und tut ein übriges. So oder ähnlich wird es auch FULL METAL JACKET ergehen.

 

2. Mehr als Kubricks andere verweigert der film sich der erwartung eines schönen kinoerlebnisses, ohne gleich genrespezifische ("kriegsfilm") konventionen zu negieren. Was damit zu tun hat, dass es beinahe keine fabel mehr gibt, die erzählung visuell aufgesprengt und dem bild vorrang gegeben wird vor thesen, dem wort/gedanken, was die komplexität möglicher interpretationen erhöht und die wirkung vervielfacht. Es wird viel geschrieen und gebrüllt, aber wenig gesagt; handschrift eines filmautors, wie sie seit LOLITA in wachsendem maße zu beobachten war. FULL METAL JACKET ist ein außergewöhnlich guter film, für Kubrick'sche verhältnisse vielleicht nicht außerordentlich genug. Den film ohne blick aufs gesamt-oevre interpretieren zu wollen, heißt, ihn nicht verstehen.

3. Der erste abschnitt, im rekrutierungs- und ausbildungscamp Parris Island, präsentiert tableaus der zurichtung menschlicher körper zu lebenden kampfmaschinen. Ein ganzer katalog an disziplinierungsritualen erwartet die "ladies", die mit ihren gewehren ins bett geschickt werden. Ein authentischer ehemaliger marines-ausbilder spielt sich hier selbst. Er ist ein verbalakustisches vollmantelgeschoss, der physischen vernichtungskraft der mittelschweren handfeuerwaffen von später in nichts nachstehend. Die personen werden nur spärlich charakterisiert. Sie sind typisierte leitmotive. Kubrick ist nicht interessiert an psychosozialen motivierungen, sondern am film: armeereporter Private "Joker" ist als off-erzähler mittlerfigur und doch nur bedingt zur identifikation geeignet. Private "Cowboy" ist der gute kamerad, "Animal Mother" der Rambo-typ, der die fragen hinterher stellt, und Private Pyle der dickliche versager. Er wird die ausbildung nicht verkraften und durchdrehen. Ein zweiter abschnitt des films führt in die etappe nach Da Nang zum job der offiziellen kriegsberichterstatter. Es ist der abend vor der Tet-offensive, und wer muss noch darüber belehrt werden, dass alle Nachrichten aus Vietnam geschönt, erstunken und erlogen waren? Gustav Hasford war reporter für "Stars & Stripes" in Vietnam. Sein kurzroman "The Short Timers" bildet die grundlage für das drehbuch.
Im nachfolgenden dritten teil hat sich ein stoßtrupp in den randbezirken der stadt Hue verlaufen. Und hier, in von zerfetzten häuserwänden gesäumten straßen, auf (historisch gesehen) bereits verlorenem terrain dezimiert ein heckenschütze in einem blutigen gemetzel die truppe, im grunde marginal und völlig kriegsunwichtig.

4. Roman Polanski, im blutigen finale von CUL DE SAC (Wenn Katelbach kommt), war grimmiger, schwärzer, stilisierender. Kubrick hält filmischen realismus für das beste stilmittel, schwarzer humor war seinerzeit in DR. STRANGELOVE angezeigt.
Es beginnt mit auf- und abblenden als formalem merkmal episodischen, aber auch unterbrechenden erzählens. Auf distanz bedachter bildrealismus kontrastiert mit wechselnder farbtongebung (kühles blaugrün zu beginn, orange-rotes heiß am schluss). Die zeitlupe dient als distanzwaffe. Die kamera beschreibt strenge, symmetrische bewegungen vor, neben und zwischen den rekrutenreihen. Ihre ordnung imitiert die militärische. Gleichzeitig wiederholt sie die fahrten durch endlose schützengräben der deutsch-französischen front in PATHS OF GLORY bzw. die des imaginären kriegsschauplatzes in gestalt des Overlook-Hotels in THE SHINING. Private Pyle erschießt seinen drill instructor und sich auf der mannschaftstoilette. Der wendepunkt der handlung in THE SHINING fand in einer rotgekachelten toilette statt, einer von Kubricks klinischen räumen. Intensiviert alles noch einmal on location durch kriegsberichterstatter Kubrick, die reportagekamera im pirschgang stark untersichtig von deckung zu deckung huschend wie damals vor Jack D. Rippers Burpleson Air Base (DR. STRANGELOVE). Und natürlich muss es schon eine steadycam sein, welche die verwackelten (!) aufnahmen liefert - wirkung durch kalkül, nicht emotion. Dominierend in den straßen Hues ist schließlich der (subjektive) blick-schuss: um hausecken, durch ein mauerloch (als schießscharte), von wo aus der halben truppe der garaus gemacht wird. Blicke töten: Schon H.A.L.s starres kameraauge besiegelte in 2001 Bowmans und Pooles schicksal und A CLOCKWORK ORANGE eröffnete mit einer supernahaufnahme von Alex' geschminktem auge, um ungeheuerliches ahnen zu lassen.

5. FULL METAL JACKET ist der abgesang auf das kriegsfilm-genre, wie Paul Virilio festgestellt hat, kein film über oder kommentar zu Vietnam. Was nicht ausschließt, dass er im zusammenhang mit APOCALYPSE NOW und THE DEER HUNTERS, vor allen anderen, gesehen werden kann. Nicht zuletzt gibt es drei sehr unterschiedlich angelegte kriegs-filme von Kubrick. Und selbst BARRY LYNDON hat sein auslösendes und treibendes element im krieg. Schachspieler Kubrick hat einmal erklärt, dass in der extremsituation des krieges der erste zug notwendigerweise bestimmend ist für alles nachfolgende verhalten - was wiederrum der filmemacher Kubrick nach möglichkeit ins bild umzusetzen trachtet.
Retrospektiv stellen sich seine früheren "kriegsfilme" geradezu als ouvertüren dar zum hauptakt, der jetzt erst zur aufführung gelangt: Das allegorische frühstwerk FEAR AND DESIRE, das die wenigsten überhaupt gesehen haben, wird von Kubrick seit langem als "amateurhaft" verleugnet. PATHS OF GLORY stand im zeichen der macht als zynischem schachspiel, und als film erstmals unter alleiniger kontrolle Kubricks. DR. STRANGELOVE OR HOW I LEARNED TO STOP WORRYING AND LOVE THE BOMB führte im zeitalter des atomaren overkills zum zusammenbruch sämtlicher illusionen der planbarkeit sogenannter ausfallsicherer systeme und gnadenlos sarkastisch in den weltuntergang. Mit diesem film erwies sich auch, und zum letzten mal, dass das inferno für den verstand realistischerweise weder zu verbalisieren (es sei denn durch kalauer und witze), noch visualisierbar war und nurmehr als choreografiertes ballett explodierender atompilze etwas herausgab. In dieser hinsicht ist für FULL METAL JACKET die wahl des drehortes, ein abbruchreifes gaswerk im Londoner Eastend, als topografischer und motivischer ort die conditio sine qua non gewesen. Kubrick legt einen stadtteil in schutt und asche, um einem geläufigen Vietnam-bild wenigstens für ein mal seinen (d.h. einen) ort zu verschaffen: Vietnam, das war eine fiktion der medien, die Tet-offensive des Vietcong vor allem ein mediensieg über die US-politik. Kubrick zeigt das demonstrativ. Vor laufender kamera geben die GIs ihre meinungen über ihre anwesenheit in Vietnam kund.
Die stadt ist hier mehr als nur virtuell oder metaphorisch labyrinth/sackgasse/geschlossener ort und die truppe ein haufen: der einsatzleiter gefallen, die im Camp Parris Island gedrillte militärische ordnung zerrüttet, der letzte rest kommunikation zusammengebrochen. Es ist die körperlichkeit der wirklichen ruinen des drehortes - man spürt auch ohne zu wissen: das sind keine filmbauten - und die arbeit Kubricks, die den eindruck des grauens im realistischen ambiente auf ein paar quadratmetern straße in oft statischen kompositionen konzentrieren. Anders gesagt, ohne diese realkulisse findet FULL METAL JACKET nicht statt. Als artefakt ist die stadt ein verweis auf das zivilisatorische am krieg und gegensatz zum urwüchsigen, gleichwohl symbolbeladenen dschungel, in welchem neuere kriegsfilme angesiedelt zu sein pflegen und der noch schauplatz von FEAR AND DESIRE war. Vielleicht deshalb, dass man Kubrick ein pessimistisches weltbild nachsagt, weil seine filme gegen den mythos arbeiten und der einzige real existierende der um Kubricks person und arbeitsweise sich rankt.

6. So nimmt der film sich des komplexes krieg an auf einer ebene, die nicht im plot zu finden ist. Ebensogut hätte es ein western sein können.
Womit er sogar begonnen hatte: ONE EYED JACKS, ein projekt mit Marlon Brando. Jedoch kamen er und der egomanische Brando nie wirklich zusammen. Kubrick war mehr an der finanzierung und realisierung von LOLITA interessiert. Brando führte ONE EYED JACKS (Duell am Missouri) nach Kubricks ausscheiden und etlichem hin und her allein zu einem letztlich zweifelhaften ende.

Innerhalb des ersten teils beschreibbar mit den Foucault'schen prämissen einer mikrophysik des körpers und der macht; im dritten als versuchsanordnung der art eines Beckett'schen "Endspiels", bei dem es um nichts geht oder: krieg als ultimates spiel. Das sind die orte, spielfelder und -züge des "unsichtbaren königs" Kubrick. Hier ist er ganz bei sich.
Im aufwand noch sehr bescheiden, demonstriert das glasklar bereits THE KILLING: der perfekte plan zum gewollten zweck. Was seine protagonisten anstreben, woran sie scheitern, zelebriert Kubrick durch extrem sorgfältige auswahl und vorbereitung des jeweiligen stoffes, immensem einsatz an material und ausstattung, doch zuallererst mit den mitteln der kinomaschine - bild und blick, sehen und hören, rhythmus und emphase - die "Ästhetik des Möglichen" (Thomas A. Nelson).
Wie um der verbindlichkeit seiner früheren (kriegs-) filme noch eins draufzusetzen, oder sie zu resümieren, ist FULL METAL JACKET konsequent mit der kamera geschrieben. Vielleicht die schlüsselszene: Unbarmherzig lange sekunden hält Kubrick auf das gesicht der tödlich verwundeten vietnamesischen heckenschützin. Ein merkwürdiger kontrapunkt in diesem sonst reinen "männerfilm", aber ein höchst interessanter. "Schieß mich, schieß mich!" fleht sie die umstehenden marines an, im schuss/gegenschuss-verfahren Kubrick somit das publikum. Bis Joker, endlich, den gnadenschuss im bild-off abgibt. So ist krieg im kino und kino wie krieg. Mit sentimentalität hat das nichts zu tun. Und so ist FULL METAL JACKET ein film, der von nichts anderem handelt als vom sehen, der wahrnehmung und von der wahrheit der realität aus zweiter hand. Damit vom krieg gegen die sinne, was gutes kino bisweilen zu stande bringt. Das führt uns, wie das sternenkind, zurück to the very core dieses regisseurs. Markiert doch 2001 - A SPACE ODYSSEY in Kubricks filmwerk den aufbruch in ein bis dahin cinematografisch unerfahrenes universum des filmens wie der rezeption.

7. Es ist denn das ärgste, was man dem film vorwerfen kann, dass er seines anteilnahme verweigernden äußeren zum trotz einen zeigegestus pflegt, der schon früher bei Kubrick aufgefallen ist. Es gehört zu den schönsten kritikervoreingenommenheiten, gerade den letzten teil des films als untaugliches spektakel zu verdammen, den ersten wegen seiner bloßstellung des unmenschlichen militärischen drills aber über den grünen klee zu loben. Denn es ist die crux, dass der film ohne not zwischen den bildern eine moral transportiert, wie sie von sinndeutern geliebt wird. Die es ermöglicht, FULL METAL JACKET (und früher schon PATHS OF GLORY) im ersten abschnitt als werk des antimilitarismus zu requirieren und das herzstück als sensationalismus zu verreissen: das gemetzel in der totenstadt Hue. Denn es ist die ambiguität nicht zu wissen, ob man lachen oder betreten schweigen soll, wenn drill instructor Hartman (!) zu seinen tiraden ansetzt (ein Hauch DR. STRANGELOVE), was diesen teil des Films vor dem absacken in aufgewühlten pseudomoralismus bewahrt. Ist Hartman, was er spielt oder spielt er, was er ist? Messers schneide - die entscheidende frage nach dem antinomischen charakter von satire. Kubrick war da schon einmal entschiedener. Präzis konzipierte zurichtungsrituale finden sich schließlich thematisch wie filmisch besser integriert im outrierten, hyperrealistischen A CLOCKWORK ORANGE, als Alex de Large in den knast wandert (Alex, der "ergebene Erzähler", Jokers Alter ego: "Witzig, dass die farben der wirklichen welt erst dann real erscheinen, wenn man sie auf dem Bildschirm sieht.").
Nur an der oberfläche ist der erste Teil von FULL METAL JACKET vermeintlich eindeutiger - aber eben auch nur quasi- oder pseudodokumentarisch. Nach allem, was man von Kubrick wissen kann, mutet es wahrscheinlich an, dass just der abschnitt des films im Camp Parris Island seine inspiration wiederrum im film hat. 1983 drehte Robert Altman STREAMERS. In diesem faszinierenden crossover aus bühne und film spielt Matthew Modine (nach seiner BIRDY-rolle bei Alan Parker) die hauptrolle in einer gruppe GIs, die in ihrer barracke auf den abtransport nach Vietnam wartet. Art der besetzung, interaktionen der personen, das setting in den schlafräumen, das alles entwirft eine skizze des ersten teils von Kubricks bisher letztem film.
Der "Joker", hier wurde er geboren. - planung oder zufall, Mr. Kubrick?

Arno G. Baumgärtel
Zuerst erschienen in ELEPHANTENKLO, Zeitung für Gießen und Umgebung,
Nr. 12/87; vom Autor überarbeitet

 

Arno Baumgärtel
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