Gießener Gesichter Paare Ostanlage

Kaum wiederzuerkennen die Stelle, wo dieses Foto einer Panzerkolonne der US-Armee, wahrscheinlich um 1945/46, aufgenommen wurde. Einzig die Grünanlage und ein vager Hinweis auf dem Wegweiser bieten einen Hinweis auf den Ort: die Ostanlage, die Kreuzung mit der Neuen Bäue, rechts die damalige Gartenstraße, heute Berliner Platz; der Platz vor dem Stadthaus und dem Kinocenter. Vor dem Krieg stand hier das Haus der Gießener Freimaurerloge, die im Nazireich verboten war. Der Schutthaufen ganz rechts auf dem alten Foto ist alles, was übrig blieb.

So gut wie unbekannt sind Pläne – wieder einmal – aus dem Dritten Reich, nach denen auf dem gesamten Gelände zwischen der Moltkestraße, dem "Hitlerwall" (Ostanlage) und der Roonstraße bis hin zur Ecke Südanlage ("Hindenburgwall‟) ein "Verwaltungs-Forum", also ein neues Rathaus mit Einrichtungen der Stadtverwaltung sowie eine Schwimmhalle, entstehen sollte. Ausgesprochene Absicht der NS-Planer war es, "unserem Stadtbild im Mittelpunkt ein neuzeitliches, monumentales Gepräge zu geben" (Artikel des Gießener Anzeigers). Entscheidender Begriff hier: monumental. Bekanntlich backten die Nachkriegsplaner (an dieser und an anderer Stelle) kleinere Brötchen.

Abb. links: Modell des "Verwaltungs-Forums", veröffentlicht im Gießener Anzeiger vom 6. September 1938
Abb. rechts: ca. 1956, geradeaus noch Ruinen in der Ostanlage, der zukünftige Berliner Platz rechts

Auf dem Gelände des heutigen Stadthauses blieb so das städtische Gaswerk mit zwei Hochbehältern erhalten, die 1957 abgerissen wurden. Es entstand der verbreiterte Berliner Platz und das (alte) Stadthaus und Mitte der 70er Jahre das Parkhaus Roonstraße. Ab 2006, nach dem Abriss des 1959 errichteten Behördenhochhauses an der Ostanlage, entstanden das moderne Stadthaus und nebenan die Polizeistation als Neu- und Ersatzbauten. Das Behördenhochhaus war 1998 wegen fehlender Sanierungsmöglichkeiten abgebrochen worden.

Die prächtigen Villen entlang der Ostanlage bis hin zum Kennedyplatz sind fast alle verschwunden, die letzten erst zu Beginn der 60er Jahre. Nur das Villa Leutert genannte Haus kurz hinter dem Abzweig zur Wiesenstraße hat überlebt. Die einem Loire-Schloss nachempfundene Villa aus der Zeit um 1885 wurde jahrzehntelang von der US-Armee genutzt, in einem rückwärtigen Flachbau war einmal eine Schuhfabrik. Seit umfangreichen Renovie-rungsarbeiten Mitte der 80er Jahre befinden sich hier das Gießener Standesamt mit seinem baugeschichtlich korrekt restaurierten Trauungszimmer und einige weitere Ämter sowie im Hinterhaus das städtische Jugend-zentrum "Jokus". Ein paar Meter in Richtung Walltorstraße steht das im Krieg ebenfalls beschädigte heutige Landgericht als weiterer Altbau. Nach dem Krieg neu erbaut wurde an der Ostanlage das Landratsamt, heute Teil der THM.

Das digitale Abbild der Stadt Gießen im Mesh-Format basiert auf Daten der Luftbildbefliegung im März 2020 sowie von 2024. Vermessungsamt Gießen

Fotos: oben N.N.; Mitte 3D-Mesh; unten links Gießener Anzeiger, 1938; unten rechts K. Altpeter

Juni/Dezember 2023, Juli 2026

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