diskurse www.match-cut.de

DISKURSE WIR SEHEN UNS! ODER L'ANNÉE DERNIÈRE AU VILLAGE

 
     
 

TEXTE ZUM FILM

 

EIN HERZ FÜR HORROR

Von Barmin Trost

Warnung I

Denken Sie daran, daß der Genuß von Horrorfilmen nicht nur für Ihre Gesundheit schädlich sein kann, sondern in schlimmen Fällen auch für die Ihrer Mitmenschen.

Warnung II

Wem Horrorfilme ein unerträglicher Horror sind, wer es für ausgemachten Schwachsinn hält, daß Leute Geld hinlegen, um sich erschrecken zu lassen, wer glaubt, daß ins Horrorkino sowieso nur debile Stumpfbeutel oder - noch übler - potentielle Mordgesellen gehen, der sollte jetzt lieber ein gutes Buch lesen, statt sich über die folgenden Bemerkungen aufzuregen.

 

Eine solche Person wird einen Horrorfilm nie sehen können, was sie ja auch nicht muß. Horrorfilme sind nämlich nicht das einzig Wahre. (Wenn diese Person allerdings die folgenden Texte liest, ist sie nicht nur selbst daran schuld, sondern sie muß sich auch die Frage gefallen lassen, wieso sie das eigentlich getan hat.) Horrorfilme sind aber auch nicht so schlimm, wie manche zu denken mehr als geneigt sein dürften, wenn sie gesehen werden wollen. Dazu ist aber ein bißchen Liebe zu diesem verachteten Filmgenre eine Voraussetzung.

Was ist eigentlich ein Horrorfilm?

Antwort: Wenn Freddy Krueger (NIGHTMARE), Michael Myers (HALLOWEEN) und Jason (FREITAG DER 13.) zu sammen gegen Godzilla, King Kong und Frankensteins Monster kämpfen.

Keine Antwort.

Versuche zu definieren, was denn um Gottes Willen eigentlich ein Horrorfilm sei, gibt es so viele wie Definierer. Der kleinste gemeinsame Nenner: Horrorfilme sind schrecklich. Für den einen ist David Lynchs BLUE VELVET ein Horrorfilm, für die andere Polanskis EKEL. In einer Diskussion sprach ein Freund sogar von SZENEN EINER EHE als einem Horrorfilm. Unnötig hinzuzufügen, daß mein Freund bereits einmal verheiratet war. Hier redet also jeder so, wie er es versteht. Was nicht negativ gemeint sein soll. Der Film, der Hor ror in einem entstehen Iäßt, wird zum Horrorfilm erklärt. Das ist legitim, stellt aber denjenigen, der eine Hor rorfilm-Reihe konzipiert, vor unlösbare Probleme. Deswegen wird hier das rein subjektive Erleben außen vor gelassen und das Thema genre geschichtlich eingeordnet. Eine solche Betrachtung ist immer noch schwierig genug. Hören wir nämlich auf die Horror filmgelehrten, klärt sich der Nebel um den Begriff keineswegs. Immer wieder verschwimmen die Grenzen zwischen Horror-, Science Fiction-, Fantasy- und Katastrophenfilm oder dem Psycho-Thriller. Sagen die einen, daß das "Problem" des Horror films die Natur ist - im Gegensatz zu Science-Fiction (Technik) und Psy cho-Thriller (Gesellschaft), halten die anderen dagegen: "Horrorfilme führen ihre Zuschauer in Bereiche, die ihr Bewußtsein nur aus Träumen kennt. Sie beschäftigen sich mit Bil dem und Situationen, die die ele mentaren Ängste unserer Zeit wider spiegeln." (Wes Craven).

Letztere Definition legt sich nicht auf ein Problem fest, sondern integriert - zumindest potentiell - völlig unterschiedliche. Schränken wir sie weiter ein.
Stephen King, dem das moderne Horrorgenre viel zu verdanken hat, hat in seinem Buch "Danse Macabre", das jetzt in einer schlechten Übersetzung auf Deutsch erhältlich ist, "terror, horror, revulsion" als Teilaspekte des "Horrors" bezeichnet. "Terror" - die Angst "angesichts" des phantasierten Schreckens, "what might have been there", "horror" - das Entsetzen angesichts eines "something which is physically wrong" und "revulsion" - Ekel angesichts von Schleimigkeiten, " Gewürm u.v.a.m. Diese drei "levels" bilden für ihn (und mich) eine Hierarchie: "terror on top, horror below it, and lowest of all, the gag reflexion of revulsion". Getreu dieser Prioritätensetzung beschreibt King seine Absichten: "I will try to terrorize the reader. But if I find I cannot terrify him/her, I will try to horrify; and if I find I cannot horrify, I'll go for the gross-out."
Wichtig für den Horrorfilm sind die beiden erstgenannten Ebenen, die dritte mag in diesem oder jenem Fall als erfrischende Wohltat hinzukommen, vonnöten ist sie, wie mir scheint, keineswegs. Ich habe Kings "Annäherung an eine Definition" erwähnt, weil sie Qualitätskriterien für Horrorfilme an die Hand gibt. Danach wäre ein guter Horrorstreifen derjenige, der die ersten zwei Ebenen vereint, wobei erstere dominiert, und als i-Tüpfelchen einen, ach was! tausend Spritzer Ekel obendrauf setzt (z.B. ALIEN), ein schlechter derjenige, der sich nur noch auf der unteren abspielt, der meint, durch eine Anhäufung von Ekelhaftigkeiten Angst und Schrecken hervorrufen zu können (sämtli che sieben Teile von FREITAG DER 13. sind dafür gute Beispiele).

"Das Böse ist immer und überall" (Erste Allgemeine Verunsicherung)

An nichts Böses denkend gehe ich zu Bett, um den wohlverdienten und süßen Schlaf der Gerechten zu schlafen. Da stößt ES plötzlich aus meinem Körper hervor - eine knochige Hand mit einem - meinem! - bluttriefenden Herzen, schleimig, eklig, abstoßend. Ich spüre eine seltsame Art von Herzschmerz. Diese Nacht werde ich sicher nicht so schnell vergessen. Ich stehe morgens auf, gehe langsam und noch etwas schlaftrunken in die Küche, öffne den Kühlschrank -nichts drin. Während ich noch über meine WG fluche, springt mir plötzlich ein qualliges Wesen ins Gesicht und saugt in Sekundenschnelle das Fleisch von meinem Schädel. Die Nacht war schon ziemlich beschissen, aber so alt wie an diesem Morgen sah ich schon lange nicht mehr aus. Daran änderte sich auch nichfs, als ich unter die Dusche ging. Unnötig die Erwähnung, daß aus der Brause eh nur ein blutfarbenes Meer von Maden und Würmern kam. Ich muß an diesem Tag nach Frankfurt. Ich nehme den Zug. Im IC sitzt mir ein Mensch gegenüber, der die ganze Zeit lacht - neurotisch und überspannt. Das Lachen steigert sich, als er aufsteht und in seinem Koffer kramt. Es steckt an, und ich lache mit. Der Mensch holt einen Drillbohrer heraus und stellt ihn an. Sein Lachen erschüttert das ganze Abteil, das Geräusch des Bohrers ist nicht zu hören. Beim Grübeln darüber, ob das Lachen dieses Menschen oder das Geräusch des Bohrers angenehmer ist, werde ich gewahr, daß dieser Mensch Übles plant. Da ist es bereits zu spät: Das Letzte, was meine Augen zu sehen bekommen, ist die Blutfontäne, die aus meinem Leib spritzt, das Letzte, was ich denke: "Mein Gott, der Teufel". Dieser Tag ist nicht mein Tag. Das steht fest.

Dieser Tag in meinem Leben war in der Tat schrecklich. Ich bin aber noch einmal davongekommen. Der darauffolgende Tag war allerdings dann noch gräßlicher, noch brutaler, noch härter - ich erspare mir weitere Hinweise. Zwei Horror-Tage liegen hinter mir, was wird die Zukunft bringen? Zum Zeitpunkt, da ich diese Sätze schreibe, weiß ich noch nicht, ob ich die Antwort auf diese Frage der Nachwelt noch werde mitteilen können. Ist das nicht schrecklich? Es ist, es ist.. .uaaaaah h h h...

Der moderne Horrorfilm als Kinderspiel

Die Regisseure von modernen Horrorfilmen sind allesamt verspielte Kinder, ihr Spielzeug ist der Film. Wie Kinder sind sie schnell gelangweilt von altem Spielzeug, sie schmeißen es weg und schauen neugierig, was der Nachbarsjunge an neuen Spielsachen zu bieten hat. Das Spiel, das sie spielen, geht so:"wiederholen, variieren, auf die Spitze treiben, wiederholen, variieren, auf die Spitze treiben. Immer das Gleiche, nur immer wieder anders ... Das oberste Ziel: 'All right, diesmal war's wirklich das Härteste"'. (Norbert Grob)
Deutlichstes Zeichen hierfür ist der Seriencharakter von Horrorfilmen: FREITAG DER 13. liegt mit bislang sieben Teilen an der blutigen Spitze, HALLOWEEN und NIGHTMARE kommen immerhin auf stolze vier, AMITYVILLE HORROR, ZOMBIE, PSYCHO, IT'S ALIVE auf drei Teile - von den etlichen Zweiteilern gar nicht zu reden.

Als wir als Kind mit Figuren "Cowboy und Indianer", "Räuber und Gendarm" oder - besonders ausgebufft - "Ritter gegen Ritter" (die Möglichkeiten waren ähnlich beschränkt wie beim Horrorfilm, wo auch nur "Gutes und Böses" oder "Böses und Böses" aufeinandertreffen) gespielt haben und eine Figur tödlich getroffen war, hatten wir die Vereinbarung, daß die Figur nach einer festgesetzten Zeit wieder voll einsatzfähig war. Genauso ist es beim Horrorfilm. Es sieht jedes Mal so aus, als kriegt das Monster endgültig den Rest. Bis einen die Fortsetzung belehrt: Das Monster ist nicht totzukriegen. Es kommt jedes Mal noch schrecklicher daher, und es wird jedes Mal noch bestialischer umgebracht - den Rest aber kriegt es nie.

Um diesen Seriencharakter selbst nicht langweilig zu finden, muß man eine große Liebe zum Genre haben. Das gilt für Regisseur und Zuschauer in gleicher Weise. Als Zuschauer muß man sich die Neugier bewahren: "Na, wie wird er es dieses Mal machen. Wie wird er es dem Monster und mir dieses Mal besorgen?"
Die Regisseure spielen auch unter- und vor allem miteinander. Kein moderner Horrorfilm, der nicht andere zitieren würde. In Wes Cravens THE HILLS HAVE EYES wird eine Wand von einem WEISSEN HAI-Filmplakat geschmückt, in Sam Raimis TANZ DER TEUFEL eine mit einem HILLS HAVE EYES-Poster, Craven antwortet in NIGHTMARE mit einer Szene, in der im Fernsehen TANZ DER TEUFEL gezeigt wird. Raimis Replik: Freddy Kruegers Klingen aus NIGHTMARE befinden sich in TANZ DER TEUFEL II an einer Kellerwand and so on and so on - ein Riesenspaß für die ganze Familie, das alles.

Unterbrechung

"Aber in diesen Filmen werden Menschen doch scharenweise auf bestialische Weise umgebracht. Wie kannst Du da von Spiel sprechen?"
"Es werden keine Menschen umgebracht. Es sieht nur so aus, als würden Menschen bestialisch umgebracht."
"Es sieht aber verflucht echt aus."
"Ich bewundere doch gerade die Trickspezialisten dafür, es echt aussehen zu lassen. Wenn es nicht echt aussehen würde, wäre es ja lustig, und der Horrorfilm ist eben kein oder nur selten ein - Lustspiel."
"Du bist morbide und pervers."
"Wenn Du das sagst, muß es wohl stimmen."

Noch ein Tip: Vor dem Schlafengehen immer schön unter das Hochbett bzw. den Futon schauen, man weiß ja nie: Eins, zwei, drei - Freddy kommt vorbei ...

Barmin Trost, Ankündigung der Filmreihe "Moderner Horrorfilm" 1988/89

 

 

Arno Baumgärtel
www.match-cut.de