F wie Fälschung Das verschwundene Kriegerdenkmal

Auf historischen Ansichtskarten von der Südseite des Gießener Marktplatzes, die über die Jahrzehnte hergestellt wurden, ist vor der Kaminka-Apotheke das im Jahr Mai 1900 eingeweihte und im Zweiten Weltkrieg am 6. Dezember 1944 mitsamt der Gießener Altstadt vernichtete Kriegerdenkmal in Erinnerung an die Kapitulation der französischen Armee 1870 und den so begangenen "Sedan-Feiertag" zu sehen.

Auf einer dieser Ansichten jedoch – s. unten – fehlt das Denkmal wundersamerweise. Dabei stammt die Aufnahme geschätzt aus den 20er Jahren, evtl. sogar später, aber eindeutig aus der Zeit nach der Errichtung, denn im Pflaster sind die Straßenbahnschienen zu erkennen. Die Gießener Straßenbahn war 1909 in Betrieb gegangen, und schon immer trafen sich die rote und die grüne Linie für den Richtungswechsel am Marktplatz.
Wer auch immer der Retuscheur hier war, er oder sie hat sich einige Mühe gemacht, das Denkmal aus der Fotografie zu entfernen und hat dabei sowohl den Untergrund, eine Verkehrsinsel, wie auch die vom Denkmal verdeckte Fensterfront des Hauses Kaminka rekonstruiert. Ob zeitgenössische Postkartenschreiberinnen und -schreiber sich der Manipulation bewusst waren, wird im Dunkel der Geschichte bleiben.

Und als wäre das verschwundene Kriegerdenkmal für sich genommen nicht schon merkwürdig genug, fügt ein zufälliger Fund bei Pinterest der Angelegenheit ein weiteres Fragezeichen hinzu. Wie auf der obigen Abbildung zu sehen, fehlt das Denkmal auch auf dieser aus der umgekehrten Richtung entstandenen Aufnahme. Bei genauem Hinschauen meint man zu erkennen, dass das Schaufenster im zweiten Haus von rechts, eigentlich vom Denkmal verdeckt, komplett mit einem Zeichenstift gestaltet wurde.

Vielleicht, so eine Vermutung, sind diese Retuschen für Postkarten nach 1945 gemacht worden. Nach den Kriegszerstörungen stand zunächst jahrelang kein Motivnachschub zur Verfügung, also musste man auf Fotos der untergegangenen Stadt zurückgreifen. Ob allerdings potenzielle Besucher wegen des Denkmals gekommen wären oder sie sich, im Gegenteil, überhaupt nicht für das Denkmal, sondern für den Zustand der zerstörten und im Neuaufbau befindlichen Stadt interessiert hätten?

Nicht auszuschließen auch, dass es sich um eine neuzeitliche, digitale Manipulation handelt, eine Fingerübung in Sachen Bildbearbeitung oder vielleicht eine mit einer politischen Aussage gegen die Zurschaustellung von Militarismus. Über die Beweggründe wird man wohl nichts in Erfahrung bringen.

Juni 2023/Nov. 2023

 

Bomberpulk über der zerstörten Stadt

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