Die Plockstraße ist ein für Gießen rares Beispiel für die gelungene Umwandlung von Autoabstellfläche und die Wiedergewinnung von städtischem (Straßen-) Raum für die Menschen.


Um 1870 reichte die etwa 130 Meter lange Straße nur bis zur ehemaligen Wallanlage, aus der später der Park Südanlage wurde. Um 1890 wurden die Goethestraße und die neue Johannesstraße zusammengeführt, 1907 eröffnete das Stadttheater in der Grünanlage, und die Plockstraße entwickelte sich zu einem gehobenen bürgerlichen Wohnquartier. Auf Ansichtskarten aus der Zeit der Jahrhundertwende sieht man junge Bäume auf sehr breiten Gehwegen. An der Schauseite zur Südanlage, Ecke Johannesstraße, residierte das mondän erscheinende Café Astoria, später etablierte sich darin die Deutsche Bank. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Bebauung dann vor allem in Richtung Seltersweg zerstört und damit der Charakter der Straße als Boulevard mit vielen Caféhäusern. Einige Gebäude blieben aber erhalten, Richtung Südanlage betrachtet drei auf der linken und zwei auf der rechten Seite, in unmittelbarer Nachbarschaft der Volksbank bis Mitte der 80er Jahre auch ein Trümmergrundstück.
Die ersten Parkuhren in Gießen standen in der Plockstraße. Ab den 50er Jahren diente die Plockstraße als Zubringer zum Seltersweg und als innenstadtnaher PKW-Parkplatz. Das blieb sie auch nach der Erweiterung der Fußgängerzone im Seltersweg über die Goethestraße hinaus Anfang der 70er Jahre, als sie zur Sackgasse wurde.
1983 wurde auf Initiative der Volksbank zu deren 100-jährigem Jubiläum die "Schwätzer"-Skulptur am Schnittpunkt mit dem Seltersweg aufgestellt. Anfang der 90er Jahre folgte die Umgestaltung der Plockstraße zum Fußgängerbereich mit damals kümmerlich aussehenden Eichen, die in den Beeten links und rechts gepflanzt wurden. Nachdem die nun mit den Jahren eine stattliche Größe erreicht haben, sorgt ihr Blätterdach im Sommer nicht nur für Schatten, sondern für die Anmutung, als wäre man in Aix-en-Provence auf dem Cours Mirabeau. Mittlerweile ist die Plockstraße mit Gastronomie sehr gut bestückt. Beim alljährlichen Stadtfest ist die Plockstraße seit Jahrzehnten der häufig stark überlaufene Anziehungspunkt mit einer eigenen Bühne auf der Seite der Johannesstraße. Niemand heute wünscht sich den Autoverkehr zurück, im Gegenteil. Notorische Falschparker, die es für cool halten, ihr Gefährt vor aller Augen dort ein paar Meter hineinzufahren und stehen zu lassen, werden inzwischen als wahre Landplage wahrgenommen.
Als weitergehende Maßnahme kann es jetzt nur zur Verdrängung des Durchgangs- und Parkplatzsuchverkehrs in der Johannesstraße kommen (Anwohner ausgenommen) und damit zur Beseitigung der Dauerparkplätze.

1985: Die Schwätzer im damaligen Kampf
um die
informationelle Selbstbestimmung
Das digitale Abbild der Stadt Gießen im Mesh-Format basiert auf Daten der Luftbildbefliegung im März 2020 sowie von 2024. Vermessungsamt Gießen
Fotos: oben N.N.; Mitte 3D-Mesh; unten Gunter Klug
Juni/Dezember 2023, Juli 2026
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