Gießener Gesichter Paare Johannette-Lein-Platz

Dieses Stück Innenstadt Platz zu nennen, ist rundherum eine Zumutung, intellektuell, ästhetisch, städtebaulich, klimapolitisch.

Ende 1920er: das Schaffstaedt'sche Gelände;
der Pfeil deutet auf den Zugang zum heutigen Johannette-Lein-Platz

Das Gebiet im Jahr 2024; links das Kinocenter und die Schanzenstraße

Das Gelände war bis in die Nachkriegszeit das des Industriebetriebes Schaffstaedt. Es erstreckte sich von der rückwärtigen Bebauung der Westanlage bis an die Rückseiten der Bahnhofstraßengebäude, zwischen der Mühlstraße auf der nördlichen und der Schanzenstraße auf der südlichen Seite.

Der Ursprung der "Johannette-Lein-Platz" genannten Freifläche geht auf die Errichtung der Tiefgarage Schanzenstraße oder, wie man es lieber nennt: Parkhaus Westanlage, zurück. Die Tiefgarage war jahrelang höchst umstritten. 1979 wurde das lange Zeit (teil-) besetzte und mit Symbolcharakter behaftete Haus Westanlage 44 für die Parkhauseinfahrt abgerissen, ein weiteres Stück autogerechte Stadtplanung. Auf dem "Deckel" der Tiefgarage entstanden Wohnungen, was damals durchaus nicht üblich war und von den Gegnern entsprechend kritisiert wurde. Die Vorstellung, auf einer Tiefgarage zu leben, kam nicht gut an. Man fürchtete die Abgase durch den Parkhausbetrieb (damals noch verbleites Benzin, keine Katalysatoren). Und die Nachbarschaft der alten, relativ heruntergekommenen Mühlstraßenbebauung ließ die Befürchtung eines Ghettos entstehen, was sich nicht bewahrheitet hat.

2024: der Fußweg zum Johannette-Lein-Platz von der Löwengasse aus; rechts die Mühlstraße

1979: Demonstration gegen den Abriss der Westanlage 44

Vom Parkhaus fußläufig in die Shopping Mall Innenstadt: Die alte Löwengasse mündete gegenüber der Mühlstraße in die Bahnhofstraße. Mit dem Bau von City Center und Kaufhaus Horten (C&A, Röder) wurde sie leicht verschwenkt, sodass sie in die Johannette-Lein-Gasse übergeht, wo sich der Zugang zum Parkhaus befindet. In den Jahren nach der Parkhaus-Eröffnung gab es dort einen Discountermarkt, später diverse andere Geschäfte, die sich nicht oder nur mühsam halten konnten. Bis vor wenigen Jahren war zudem der Fußweg zur Schanzenstraße versperrt, um Drogenabhängigen den Aufenthalt (oder Fluchtwege) zu vermiesen.

Ein Alibi-Bäumchen, bei starker Sonneneinstrahlung heizt das Pflaster sich auf. Die Aufenthaltsqualität ist gering. Die Umgebungsbebauung ist unabgeschlossen und wird dominiert von einem privaten Großparkplatz. Immerhin hat sich inzwischen die Gastronomie entlang der Gasse ein Stück weiter ausgedehnt, und beim Stadtfest steht eine Bühne auf dem Platz. Der Platz vor dem Parkhaus-Eingang (Abb. oben) ist und bleibt aber ein echter Unort.

Das digitale Abbild der Stadt Gießen im Mesh-Format basiert auf Daten der Luftbildbefliegung im März 2020 sowie von 2024. Vermessungsamt Gießen

Fotos: oben N.N.; darunter 2x 3D-Mesh; unten Arno Baumgärtel

Juni/Dezember 2023, Juli 2026

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