Gießener Gesichter Paare Kirchenplatz Südseite

 

Am Auffälligsten bei der Beschäftigung mit der Baugeschichte von Gießen aus der Vorkriegszeit ist die Erkenntnis, wie eng die Altstadt bebaut war. So befand sich zum Beispiel zwischen dem noch existierenden Kirchenturm und dem Leib'schen Haus dahinter (heute Teil des Oberhessischen Museums) bis etwa 1935 das sogenannte Küsterhaus, ein Fachwerkbau, der wegen Baufälligkeit abgerissen wurde. Nicht die einzige Stelle im Stadtbild, wo jede Lücke ausgenutzt wurde.

Der historische Kirchenplatz war am Südende beim Übergang zum Marktplatz eine regelrechte Engstelle.

Das Foto oben aus den 30er Jahren zeigt die Situation, den umgekehrten Blick vom Marktplatz aus; im Hintergrund der Kirchenplatz und rechts der Eingang der Engel-Apotheke. Die Fachwerkgebäude links fielen dem Krieg, aber auch dem Wiederaufbau zum Opfer. Denn nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs wurden die Straßenquerschnitte vor allem um den Markt- und den Kirchenplatz herum erheblich vergrößert, die Bebauungsgrenzen also zurück verlegt. Der Übergang vom Kirchen- zum Marktplatz ist nun mit gut 18 Metern mehr als dreimal so breit wie früher. Heute steht das Café "Türmchen" demnach nicht etwa an der Stelle des im Bild oben links zu sehenden alten Hauses Loos. Das Café wäre ungefähr das dritte Gebäude von links, halb sichtbar hinter dem Kirchenbau.

Lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war der Kirchenplatz oder genauer: die Fläche, den der im Krieg zerstörte, aus dem 19. Jahrhundert stammende "Moller-Bau" (nach dem Architekten) eingenommen hatte, eine kleine Grünanlage inmitten von Autoverkehr, der damals noch durch diesen Teil der City floss. Nachdem das Oberhessische Museum gleich dahinter im seit Ende der 70er Jahre komplett rekonstruierten Leib'schen Haus und im Wallenfels Haus eröffnet und der Autoverkehr Mitte der 80er Jahre von dort verbannt worden war, wurde der Grundriss des Kirchengebäudes als knöchelhohes Mäuerchen nachgezeichnet, ein Schotterrasen angelegt und dazu ein paar Bäume drumherum gepflanzt. Eine wohlgemeinte Entscheidung, aber wenig praxistauglich, denn bald fanden immer mehr Veranstaltungen auf der Fläche statt, der Schotterrasen wurde zur mittelhessischen Atacama-Wüste.

2014 kam es, begleitet von aufschlussreichen archäologischen Grabungen, zu einer umfangreichen Neugestaltung des Kirchenplatzes. Die Fläche wurde befestigt und der Grundriss der Stadtkirche nunmehr auf Pflasterniveau wiederhergestellt. Seither hat der Kirchenplatz insgesamt – Kirchenareal und Straßenbereich – sich zu einem vor allem im Sommer beliebten Treffpunkt entwickelt, an dem die Gastronomie einen großen Anteil hat. Die Leerstelle des fehlenden Kirchengebäudes lässt allerdings den Platz unförmig und viel zu groß erscheinen. Er ist aber eine der raren positiven Entwicklungen in der Kernstadt neben der schon in den frühen 80er Jahren neu gestalteten Plockstraße und ein großer Kontrast zum misslungenen Marktplatz nebenan.

Das digitale Abbild der Stadt Gießen im Mesh-Format basiert auf Daten der Luftbildbefliegung im März 2020. Vermessungsamt Gießen

Juni/September 2023

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