Gießener Gesichter Paare Alte Wache, Alte Klinik

Ein anmutiger Parkplatz schmückt auch 2026 diese markante Straßenecke in der Innenstadt. Die Baulücke entstand aber nicht durch den Krieg, sondern erst im Verlauf der 60er Jahre. Das dort stehende historische Wachgebäude war das Pendant zu dem nur ein paar Meter weiter in der Liebigstraße gelegenen, in dem das berühmte Liebig-Museum untergebracht ist.

Die beiden Wachhäuser flankierten die sogenannte Alte Klinik, ursprünglich ein Kasernenbau und wie die Wachgebäude von 1817. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Krankenhausnutzung nach und nach aufgegeben und in Neubauten des entstehenden Kliniksviertels verlegt. Seitdem diente die Alte Klinik u.a. teilweise der Stadtverwaltung und war bis in den Krieg hinein als Reservelazarett in Betrieb. Sie wurde schwer beschädigt, die Ruine dann Mitte der 60er Jahre abgerissen, um Platz für das von der damaligen Deutschen Bundespost betriebene neue Fernmeldehochhaus zu schaffen. Da das Fernmeldehochhaus quer zum Grundriss der Alten Klinik steht, war und ist auf dem Gelände noch viel freier Raum, der – was Wunder in der Gießener Innenstadt – als Parkplatz genutzt werden musste.

Wahrscheinlich musste das Wachhaus an der Frankfurter Straße (oben anschaulich in den frühen 60er Jahren), weichen, wo man nun schon einmal die Kliniksruine beseitigte und weil es ohnehin dem Bau der ab Ende der 60er Jahre geplanten Hochstraße  über den Bahnübergang im Weg war. Auch eine Fußgängertreppe über die Bahngleise unmittelbar dahinter verschwand in der Zeit. Aber die war ohnehin nicht behindertenfreundlich.

Das frühere Fernmeldehochhaus wird heute von verschiedenen Firmen genutzt und wurde vor einigen Jahren an einen Investor verkauft. Unter dem Komplex befindet sich heute ein wichtiger Telekommunikationsknoten. Den Wiederaufbau des Wachhauses wünschen sich inzwischen viele in der Stadt. Stadträumlich wie technisch wäre es an dieser Stelle keine große Sache, den wenig vorzeigbaren Parkplatz verschwinden zu lassen und eben ein wenig Stadtreparatur zu betreiben.

Ende August 2026 unternahm der einheimische Unternehmer Kai Laumann den Versuch, dem Landkreis Gießen die Verlegung seines Amtssitzes aus dem Rivers-Gelände an der Licher Straße zurück in die Stadtmitte schmackhaft zu machen. Ein fix und fertig geplanter Vertragsentwurf samt einer pompösen visuellen KI-Inszenierung stellte das ehemalige Kliniks- bzw. Telekomgelände als neue Kreistagsverwaltung zwischen Liebig- und Bahnhofstraße vor. Die Stadt freute sich, rieb sich schon die Hände, dass nun endlich die unansehnliche Baulücke an der Stelle ohne eigenes Zutun geschlossen würde. Doch der Absturz kam jäh, die Pläne wurden von den beteiligten Kreiskommunen als zu teuer abgelehnt. Der Investor reagierte verschnupft. Etwas bei den internen Absprachen scheint schiefgelaufen zu sein.

Das digitale Abbild der Stadt Gießen im Mesh-Format basiert auf Daten der Luftbildbefliegung im März 2020 sowie von September 2026. Vermessungsamt Gießen

Fotos: oben N.N.; unten 3D-Mesh

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