Gießener Gesichter Paare Kirchenplatz Südostseite

 

Umbauten am Stadtbild hat es immer gegeben. Während man auf der Südseite des Vorkriegs-Kirchenplatzes etwas von der Enge der Altstadtbebauung spürt, begegnen einem auf der Südostseite, in Richtung Brandplatz, innerhalb nur weniger Jahre gleich zwei unterschiedliche Ansichten. Der Ort, auf dem heute die Nachkriegsarchitektur mit den Arkaden steht, ist auf der historischen Aufnahme links oben etwa im Jahr 1935 zu sehen; links unten nur gut vier Jahre später.

Ab Mitte der 30er Jahre begannen die Nationalsozialisten mit der Sanierung der Gießener Altstadt. Die hatte es in weiten Bereichen fraglos nötig, schließlich waren die meisten Gebäude Jahrhunderte alt. Auf Fotos ist der Verfall vielfach zu sehen. Alle historischen Altstädte in Deutschland zu der Zeit waren eng bebaut, meist heruntergekommen, stickig und von modernen Hygienestandards weit entfernt.
In einer Buchbesprechung
heißt es: "
Im Vordergrund nationalsozialistischer Altstadtsanierung stand die Erneuerung von Wohnbauten in hygienischer und technischer Hinsicht, praktiziert als Aufwertung der Blockrandbebauung mit Grundrißauslichtung, d.h. Entkernung des Blockinnern. Gestalterisch kaschiert von einer Stadtbildpflege mit deutlicher Präferenz für mittelalterliche Fassaden." Und weiter: "... daß entgegen mancher Zielproklamation nicht die Altstadt, keineswegs die jeweils einzigartige historische Stadt, das vordringliche Thema nationalsozialistischer Stadtplanung war." Anders ausgedrückt: Den Nazis lag weniger am Erhalt der Bausubstanz, etliches wurde einfach weggerissen, als daran, den neuen politischen Geist wo immer möglich in Stein (oder auch in Beton) zu manifestieren.

Im übertragenen Sinn: zwingt historisch gewachsenes Durch- und Nebeneinander raus, zwingt Ebenmäßigkeit und neue deutsche Ordnung rein.

So erhielt der Kirchenplatz, angefangen am Lindenplatz bis zur Schlossgasse, ein neues Gesicht, und anstelle der Zeile mit vier Altbauten entstand ein eher monolithischer Block mit einem Arkadensockel aus demselben grauen Gestein wie das an den neuen Marktlauben um die Ecke aus dem Jahr 1928. Das Foto von 1939 zeigt auch, dass der Neubau nicht ganz fertiggestellt ist. Die Läden stehen noch leer, die Fensterscheiben sind zur Sicherheit mit weißen Zeichen bemalt. Wann genau das war, ist nicht bekannt. Viel hat es jedenfalls nicht genützt. Schließlich begann am 1. September der Zweite Weltkrieg, die Altstadtsanierung wurde eingestellt. Und das neue Arkadengebäude wurde nur rund fünf Jahre alt. Die alliierten Bomberverbände beachteten die Zeichen auf den Fensterscheiben einfach nicht.

* Ursula v. Petz: "Stadtsanierung im Dritten Reich. Eine Auswertung von Fallbeispielen ..." (1984/87); von Astrid Debold-Kritter, in: Kritische Berichte 3/1988

Das digitale Abbild der Stadt Gießen im Mesh-Format basiert auf Daten der Luftbildbefliegung im März 2020. Vermessungsamt Gießen

Juli/Dezember 2023

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