Bahnhofstraße

Gebäude Ostseite, Kaplansgasse bis Wolkengasse

Straßen- und Häuserplan Seite 2
Katharinengasse Löwengasse Kaplansgasse Teufelslustgärtchen Seltersweg Wolkengasse

Der heutige Gießener Bahnhof entstand 1853/54, die Bahnhofstraße in der Zeit danach als Vorzeige-Boulevard. Ihre Länge beträgt 967 Meter. In die vorliegende Recherche einbezogen ist ein Teil der Bahnhofstraßen-Ostseite zwischen Kaplans- und Wolkengasse. Mit dem Bau des City Centers Ende der 1970er Jahre wurde die Ostseite der Bahnhofstraße komplett wegsaniert und ein Großteil der Wolkengasse bis hin zur Bahnhofstraße verschwand, wo eine neue Verbindungsstraße von der Westanlage bis zur Schanzenstraße angelegt wurde. Diese Straße heißt heute Reichensand. Früher war das ein Flurname bzw. ein Gässchen im Gebiet zwischen der Löwen- und der Wolkengasse.

In einer Nachbetrachtung 1981 kommt Heinrich Schmidt, einer der Hauptvertreter der Gießener Kahlschlagspolitik, zu der Auffassung, "daß bei Anwendung der heutigen städtebaulichen Maßstäbe zumindest die Wohn- und Geschäftshäuser Bahnhofstraße 23 bis 33 nicht abgebrochen worden wären." Vom Abriss der gesamten Bahnhofstraßen-Ostseite waren schließlich intakte Wohn- und Geschäftshäuser betroffen, keinesfalls Kriegsruinen. Aber, alles vorbei. Zuerst denken, dann handeln.

Die Längen- und Flächenangaben ermittelt anhand des Urkatasterplans um 1900.

Bahnhofstraße 7, Ecke Kaplansgasse
1975
Quelle: Gunter Klug
Bemerkung: Das Eckhaus an der Kaplansgasse war Jahrzehntelang als Gaststätte "Schipkapaß" bekannt, jetzt "Mama of Africa". Das Haus wurde 1901 mit Sichtfachwerk und Eckturm errichtet, der Anbau mit Eingang links ist älter. Es überlebte den Krieg und wurde, weil für das Stadtbild prägend, bewahrt. Für die Häuserzeile gegenüber traf das nicht zu.

Bahnhofstraße 11, Ecke Kaplansgasse
1960er
Quelle: N.N.
Bemerkung: Gegenüberliegend von Nr. 7 auf der südlichen Seite der Kaplansgasse; abgerissen Ende der 60er Jahre. Hier ist heute der Anlieferungsbereich für C&A/Rötherpark (früher Kaufhaus Horten).

X

Bahnhofstraße 13

Quelle: –
Bemerkung: Keine Abbildung
Bahnhofstraße 15
1960er
Quelle: N.N.
Bemerkung: Das dreistöckige Haus, Bildmitte

Hausnummern in der Bahnhofstraße,
Ostseite zwischen Kaplansgasse und Wolkengasse (heute Reichensand) 1906 bis 1960

Destilliert aus den Adressbüchern 1906, 1917, 1920, 1921, 1922, 1925, 1931, 1937, 1939, 1941, 1949, 1951, 1954, 1957 und 1959/60, einer Skizze des Planungsamts von 1948 und Artikeln der Lokalpresse

Vorbemerkung zu den Hausnummern und Adressbüchern: Der hier betrachtete Bereich stellt den westlichen Rand des "Shanghai-Viertels" dar und beginnt mit Hausnummer Bahnhofstraße 11, dem Eckhaus zur Kaplansgasse und endet mit der Hausnummer 33, dem Eckhaus zur damaligen Wolkengasse, deren westlicher Teil in den frühen 1970ern mit der Straße Reichensand überbaut wurde. Sozioökonomisch gehörten die Häuser in Bahnhofstraße nicht zum Shanghai-Viertel, teilten aber am Ende das gleiche Schicksal: sie wurden plattgemacht.

Die Hausnummern 19 und 21 waren in diesem Zeitraum nicht vergeben, die theoretische Fläche von Nr. 19 war mit der Löwengasse 28 bebaut, eine Fläche für Nr. 21 nicht existent. Bahnhofstraße Nr. 23 war dann das Eckhaus zur Löwengasse. Hausnummer 15 bekam im Adressbuch 1954 und folgende Zuwachs durch die eingeschossige Hausnummer 15a, ein Ladenanbau rechts vom Haupthaus. "Hausnummer" 25, eine zuvor unbebaute Hoffläche zwischen Nr. 23 und 27, tauchte erstmals 1931 im Adressbuch auf, Eigentümer und unterschiedliche Folgenutzungen wurden seitdem standardmäßig aufgenommen. Seit dem Adressbuch 1951 wurden für die Bahnhofstraße Nr. 29, 31 und 33 Hinterhäuser separat verzeichnet, meist mit Gewerbebetrieben, aber vereinzelt auch Wohnnutzung; 1954 kam auch Bahnhofstraße 27 dazu. Dies ist ein Hinweis darauf, dass durch Kriegseinwirkung und beginnenden Nachkriegsaufschwung die noch vorhandenen nutzbaren Flächen in der Stadt den Bedarf nicht decken konnten. Zudem war dieser Teil der Bahnhofstraße ohne Kriegsschäden geblieben, und so füllten Gewerbe- und Wohnflächen in den Nachkriegsadressbüchern immer längere Druckspalten.

Die redaktionelle Bearbeitung und die Vorgaben für die Datenaufnahme in den Adressbüchern war recht wechselhaft. So gab es Jahre, in denen zu den meisten Namen keine Berufsbezeichnungen aufgenommen wurden (1922, 1925), und veränderte Vorgaben wie z. B., ob "Witwe" oder "Hausfrau" einzutragen war (wechselnd in den 1950ern). Standardmäßig wurden zuvor nur die "Haushaltsvorstände" ins Adressbuch eingetragen, Familienmitglieder fielen unter den Tisch. Im Adressbuch 1959/60 hingegen scheinen auch Familienmitglieder gelistet worden zu sein. Die erste Nachkriegsausgabe des Adressbuchs war ebenso vom Krieg gezeichnet wie die Stadt: die Rubrik "Straßen und Häuser in Gießen" mit den alphanumerischen Sortierung nach Straßen und Hausnummern entfiel und kehrte erst 1951 zurück. Vorhanden war nur das alphabetische Einwohner- und Firmenverzeichnis. Daher sind hier verwendete Angaben zu 1949 mit Vorsicht zu betrachten.

Hausnummer 11 Das erste Haus hinter der Einmündung der Kaplansgasse gehörte Anfang des 20. Jahrhunderts dem Gastwirt Peter Berg, der dort die Wirtschaft "Zum Frühstückskeller" betrieb. Zwischen 1906 und 1917 kaufte Berg auch das rückseitig gelegene Haus Kaplansgasse 27 (mehr dazu siehe im Text zur Kaplansgasse). Auf zwei um 1900 und 1915 herum entstandenen Fotos prangte an der Hauswand von Bahnhofstraße 11 der Schriftzug "Restauration von Peter Berg". Bis 1931 blieb das Haus im Besitz der Familie Berg, bis es Peter Bergs Witwe Elise (Peter Berg verstarb 1920 oder 1921) irgendwann zwischen 1931 und 1937 an das Gießener Brauhaus verkaufte. Nach Peter Bergs Tod stand 1921 zunächst Elise Berg als Wirtin im Adressbuch, in den Folgeausgaben 1922 und 1925 fehlten die Berufsbezeichnungen. Elise Berg gab um 1926 die Wirtschaft ab, zog aus dem Haus, blieb aber bis zum Verkauf Verpächterin. Im Adressbuch 1927 fand sich Ludwig Bepler als Wirt des "Frühstückskellers" gelistet. Ludwig Bepler wurde erstmals 1920 unter der Adresse Bahnhofstraße 11 aufgeführt, nachdem er im Hinterhaus bzw. in der Kaplansgasse 27 eine orthopädische Werkstätte eröffnete. Kundschaft hatte ihm wohl der Erste Weltkrieg verschafft. Bevor der Zweite begann, gab er wohl 1937 jedoch seine Werkstatt auf (Kaplansgasse 27 wurde in diesem Jahr abgerissen) und machte Gastwirt zu seinem Hauptberuf. Auf einem Foto von etwa 1950 wirbt an der Hauswand groß das Gießener Brauhaus, während es auf einem kleineren Leuchtschild über der Tür "Restauration Ludwig Bepler" hieß. Solange Familie Berg das Haus besaß, residierte im Parterre – vermutlich im Eckanbau zur Kaplansgasse hin – auch ein Friseurgeschäft, welches zwischen 1906 und 1931 drei verschiedene Inhaber hatte (Otto Rottmann, Heinrich Weidenhaus und Hugo Möhl). Ein letztes Foto des Hauses entstand kurz vor dem Abriss, ringsherum war in den frühen 1970ern bereits alles andere Gemäuer in der Kaplansgasse ebenso wie die Nachbarhäuser bahnhofstraßenaufwärts verschwunden. Kurz danach wurde die Horten-Baugrube ausgeschachtet.

Hausnummer 13 Über dieses eher kleine Haus, von dem in unserem Bestand kein deutliches Foto existiert (außer einem Schuttberg nach dem Abriss), gibt es nicht allzuviel zu sagen. Es beherbergte in allen hier betrachteten Adressbüchern kaum mehr als eine Metzgerei, sodass man nur noch die Inhaber aufzählen muss: 1906 Jakob Arnold; 1917 bis 1931 Adolf Birkmeyer; 1937, 1939 & 1941 Fritz Ruhl; und 1949 bis 1960 Gottfried Kuhl. Bis 1937 lebte auch die Witwe von Jakob Arnold noch im Haus. In den letzten Jahren vor dem Abriss Anfang der 1970er und nicht mehr in den hier betrachteten Adressbüchern erfasst, hatte noch die Gaststätte Piccolo in den ehemaligen Metzgereiräumen ihr Quartier aufgeschlagen, womit dann in vier aufeinanderfolgenden Häusern der unteren Bahnhofstraße Wirtschaften auf Kunden warteten (Schipkapaß, Restauration Bepler, Piccolo, und eine Gaststätte in Nr. 15, s.u.).

Hausnummer 15 und 15A Das größte, recht schmucklose Haus zwischen Kaplans- und Löwengasse besaß drei Vollgeschosse und überragte seine Nachbarn deutlich. 1906 und 1917 noch im Besitz von Jakob Stein, Darmstadt, und 1920 Minna Schütz Erben, ebenda, hieß der Besitzer ab 1921 Heinrich Ruhl, ab 1949 bis zum Adressbuch 1959/60 wurde seine Witwe Wilhelmine Ruhl Besitzerin. Heinrich Ruhl war es auch, der zwischen 1906 und 1917 die Gaststätte "Zur Stadt Frankfurt" im Parterre von Marie Belloff übernahm und sie in "Württemberger Hof" umbenannte. Zwischen 1941 und 1949 starb Heinrich Ruhl, und Wilhelmine Ruhl verpachtete den Betrieb an Berta Schäfer. Ca. 1958 übernahm dann Karl Rether den Betrieb. In den 1960er Jahren wurde aus dem "Württemberger Hof" die "Jahn-Klause". Aus nicht überlieferten Gründen war Nr. 15 Anfang der 1970er Jahre das erste Haus, welches in diesem Abschnitt der Bahnhofstraße (teil-) abgerissen wurde. Ein Foto von Siegfried Träger zeigt noch alle Nachbarhäuser an der Straßenfront intakt, während Nr. 15 bereits alle Obergeschosse verloren hat.
Über die Jahre waren immer auch reichlich Wohnungsmieter im Haus, das Adressbuch 1959/60 listet eine Rekordzahl von 10 Mietern. 1927 tauchte unter den Mietern ein Wilhelm Ruhl auf, der im Parterre ein "Lebensmittelgeschäft" unterhielt. 1931 war daraus ein "Spezialgeschäft für Südfrüchte, Obst, Gemüse und Konserven" geworden, welches zwischen 1931 und 1937 an Elisabethe Schmidt überging, die dann wohl heiratete und infolgedessen 1939 als Elisabethe "Käs" eingetragen war. 1949 hieß der Inhaber dann Heinrich "Kaes". 1951 war der Obst- und Gemüseladen aus dem Adressbuch verschwunden. 1954 listete das Adressbuch erstmals eine Hausnummer Bahnhofstraße 15a (Besitzerin Wilhelmine Ruhl), in der sich eine Filiale des Blumengeschäfts Heinrich Jungermann niedergelassen hatte. 1959/60 war dessen Inhaberschaft an einen Robert Kuncke übergegangen. Ich gehe davon aus, dass sowohl das Obst- und Gemüsegeschäft als auch der Blumenladen in dem eingeschossigen Anbau rechts von Nr. 15 residierten.

Hausnummer 17 Das letzte Haus mit einer Bahnhofstraßen-Hausnummer vor der Einmündung der Löwengasse gehörte vom Adressbuch 1906 bis zum Adressbuch 1927 der Witwe Katharine Hainer, die in dem unscheinbaren Haus wohnte und im Erdgeschoss einen Obst- und Gemüsehandel führte. Zwischen 1922 und 1925 überließ sie das Geschäft Gustav Tackis (Adressbuch 1925) und anschließend Heinrich Debus (1927, "Lebensmittelhaus"). Zwischen 1927 und 1931 verkaufte Frau Hainer das Haus an den Drogisten Heinrich bzw. Hinrich Bornemann, der dort die "Holsten-Drogerie" eröffnete, welche er anschließend zwei Jahrzehnte lang betrieb (und anschließend nach gegenüber in die Bahnhofstraße 14 umzog). Seit dem Adressbuch 1954 hieß der neue Besitzer der Bahnhofstraße 17 Artur Klein, der dort mit Büromaschinen handelte. Das auf Nr. 17 folgende Haus an der Bahnhofstraße hatte die Adresse Löwengasse 28, s. dort.

Hausnummer 23 Das repräsentative Eckhaus an der Löwengasse mit Turm und Welscher Haube sowie zwei gegenüberliegende ähnlich ausgestattete Pendants an den Ecken der Einmündung Mühlstraße hätten einen Platz vor der Tür verdient, doch die engen Straßenverhältnisse von Bahnhof-, Mühlstraße und Löwengasse führten dazu, dass Passanten sich den Hals verrenken mussten, um die Häuser in ganzer Pracht wahrzunehmen. Zudem wirkte das vierte Eckhaus Löwengasse 28 wie ein Bauer auf dem Festbankett, wenn man kein Faible für verputztes Fachwerk hatte.
Besitzer von Nr. 23 war laut den Adressbüchern 1906 und 1917 Bäckermeister Karl Steinberger, der 1906 nicht (mehr?) im Haus wohnte und 1917 mit Wohnort in Frankfurt angegeben war. vor 1920 ging das Haus dann an seine Erben über, die es mindestens bis 1959 behielten. Gewerbe im Haus waren 1906 das "Schokoladen-, Tee- und Konfitürengeschäft Anna Holz (C. F. Müller Nachf.)", die Kunst- und Antiquitätenhandlung des Vergolders Carl Leib (später "Leibsches Haus" am Kirchenplatz), und die Fellhandlung von Jakob Nußbaum. Dazu im 2. Stock Moritz Roßmanns "Kommissionsgeschäft und Agentur in Mehl, Getreide- und Futterartikeln" sowie ein paar Privatwohnungen. Bis 1917 gab es allerlei Umbrüche, Carl Leib, Jakob Nußbaum und Moritz Roßmann waren nicht mehr Mieter in der 23. Im Parterre hatte der Verlag der Oberhessischen Volkszeitung inklusive Buch-, Papier- und Schreibwarenhandlung Einzug gehalten, und die Geschwister Katharina und Rosa Leo waren die neuen Inhaber des Schokolade- und Zuckerwarengeschäfts geworden. Die Leos waren das, was man heute "Ankermieter" nennt, Louise Rosa Leo fand man auch 1959/60 noch unter der Adresse Bahnstraße 23 im Adressbuch. Das Geschäft war allerdings zuletzt 1954 eingetragen. Der Verlag der Oberhessischen Volkszeitung blieb bis 1931 im Haus, seit 1920 mit geänderter Firmierung "Heinrich Neumann & Co.", zuvor "Ed. Krumm & Cie.". Die aus der Weimarer Republik stammenden Zeitungen wurden nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten dahingerafft, selbst der Gießener Anzeiger, der den neuen Machthabern zu Willen war, musste 1943 schließen, aber eher aus kriegswirtschaftlichen Gründen.

1921 sah den Einzug eines SPD-Parteisekretariats im Parterre, und Karl Leo, vermutlich ein Familienangehöriger der Süßwaren-Geschwister, eröffnete in Nr. 23 ein "Polsterer-, Tapezier- und Dekorationsgeschäft". Die SPD zog zwischen 1922 und 1925 wieder aus, ansonsten änderte sich bis in die 30er Jahre hinein außer gelegenlichen Mieterwechseln der Privatwohnungen nichts. 1937 dann war die Oberhessische Volkszeitung verschwunden, bessere Geschäfte im Parterre machte jetzt, wenig verwunderlich, das "Maßgeschäft" für Uniformen von Theo Borné. Ob eine Geschäftserweiterung zur "Zivil- und Uniformmaßschneiderei" Bornés die Ursache war, weiß ich nicht, aber Karl Leos Polster- und Tapeziergeschäft zog vor 1939 aus. Nach dem Krieg hieß die Schneiderei laut Adressbuch 1949 ganz zivil "Borné & Schanze, Herren- und Damenbekleidung". Auch ein Lederwarenhändler namens Peter Haas war ins Haus gezogen, 1954 und 1957 firmierte er – im zweiten Stock – als Textilgroßhändler. Im Adressbuch 1951 findet sich noch ein alter Bekannter, der Goldschmied und Graveur Erich Targon, der zeitweilig in der Kaplansgasse Nr. 2 residierte, bevor das Haus zwischen 1927 und 1931 von Gustav Geisse aufgekauft wurde. Targon blieb bis mindestens 1957 in der Bahnhofstraße, 1958/60 war er nicht mehr aufgeführt. Bemerkenswert im Adressbuch 1954 ist allenfalls, dass eine Familie namens Grewe drei Mietparteien stellte, einen Elektriker (Dieter), einen Uhrmacher (Erwin), und einen Kaufmann (Karl). Nachdem die Leos ihr Schokoladen- und Zuckerwarengeschäft aufgegeben hatten, belegte die Tapetenhandlung Helmut Kreiling (Adressbücher 1957 und 1959/60) die Geschäftsräume im Parterre. In den 1960ern erhielt das Haus auf der Seite zu Grundstück Nr. 25 noch Werbeschilder für ein Kibek-Teppichhaua. Ob sich das auf die Geschäftsräume von Kreiling bezog oder auf eine Grundstücksnutzung von Nr. 25, ist unklar. – WEITER IM TEXT

ca. 1935: die Einmündung der Kaplansgasse in die Bahnhofstraße
im Gießener Altstadtmodell
; links Gaststätte Schipkapaß

(QUELLE: ARNO BAUMGÄRTEL)

1950er, Bahnhofstraße, Blick nach Süden, das Eckhaus
an der Wolkengasse ist das von Samen-Hahn (Pfeil). Alle Gebäude
im Vordergrund fielen um 1970 für das City-Center.
(QUELLE: N.N.)

Um 1970: Abriss 1, Bahnhofstraße 15; kaum zu erkennen:
die Obergeschosse sind bereits verschwunden.
(QUELLE: SIEGFRIED TRÄGER)

Um 1970: Abriss 2, Bahnhofstraße 15; und jetzt richtig. Unklar,
ob es sich um denselben Aufnahmezeitpunkt handelt.

(QUELLE: N.N.)

   
Bahnhofstraße 17
1970er
Quelle: Siegfried Träger
Bemerkung: Haus Bildmitte, der Anbau links gehört zu Nr. 15; rechts daneben: Löwengasse 28 (Lebensmittelgeschäft Rose)
Bahnhofstraße 23, Ecke Löwengasse
1950er
Quelle: N.N. (Montage aus zwei Aufnahmen)
Bemerkung: Das markante Eckhaus mit Zwiebelturm gegenüber Löwengasse 28 musste wie etliche andere bis hin zur Wolkengasse (heute: Reichensand) dem City-Center weichen.

Hausnummer 25 In den Adressbüchern 1906 bis 1927 existierte keine Adresse Bahnhofstraße 25. Physisch war hier ein zumindest zur Straßenfront hin unbebautes Hofgrundstück. Erstmals 1931 tauchte diese "Hausnummer" im Adressbuch auf, zunächst hatte sich hier eine "Kohlen-, Koks- und Brikett-Vertrieb G.m.b.H." niedergelassen. 1937 wurde als Besitzer des "Bauplatzes" Karl Steinberger genannt, dem auch Nr. 23 gehörte. Diese Einträge setzten sich bis 1949 fort, bis dann 1951 unter Bahnhostraße 25 Bruno Zanetti als Inhaber der Eisdiele "Venezia" auftauchte. Zwischen 1951 und 1954 kaufte "Glatthaar & Sohn" das Grundstück als Lagerplatz und verpachtete einen darauf befindlichen Pavillon – vermutlich von der kurzlebigen Eisdiele noch übrig – am Waltraud Reubig (oder Reulig), die dort Strümpfe verkaufte und reparierte. Daran änderte sich bis 1959/60 nichts mehr.

Hausnummer 27 und 27 H Das Gebäude mit der markanten, reichhaltig verzierten Backsteinfassade beherbergte Anfang des 20. Jahrhunderts den wohl größten Kolonialwaren-Laden Gießens. Der vollständige Adressbucheintrag 1906 lautete "Kölner Konsumanstalt Gebrüder Berdux, Gießener Seefischmarkt. Kolonialwaren- und Delikatessen-Geschäft. Inh. Julius Berdux p (Zweiggeschäft Lindenplatz 12 p)". Julius Berdux wohnte auch privat dort im ersten Stock. Hausbesitzer damals war der Seilerwarenhändler Louis Lony. Der zweite und dritte Stock sowie eine Wohnung im Hinterhaus waren über alle Jahre privat vermietet. 1917 sah dann den Kaufmann Richard Grunewald als neuen Besitzer, und die Gebrüder Berdux hatten die "Kölner Konsumanstalt" abgelegt. Darüberhinaus hatte sich auch die Metzgerei Hermann Seligmann im Parterre eingemietet. "Kurzwaren en gros u. en detail" bot die Firma Werner & Marquardt. Zwischen 1922 und 1925 übernahm Hausbesitzer Grunewald das Geschäft der Gebrüder Berdux und trat mit "Kolonialwaren, Feinkost und Kaffeerösterei" (Adressbucheintrag 1927) direkt gegen die Konkurrenz von Gustav Geisse an, der mittlerweile begonnen hatte, sich Haus für Haus in der Kaplansgasse einzuverleiben. Zwischen 1927 und 1931 schlossen die Kurzwarenhändler ihr Geschäft, stattdessen zog die "Tapeten u. Linoleumhandlung" Heinrich Steinhäuser ins Haus. Zwischen 1931 und 1937 trat Richard Grunewald die Leitung des Feinkostgeschäfts an Louis Grunewald ab und wurde Rentner. Kurzwaren-Kaufmann Marquardt, immer noch Mieter in Haus. avancierte derweil zum städtischen Beamten (1937) oder Angestellten (1939). Im gleichen Zeitraum übernahm Karl Harnisch das Tapeten- und Linoleumgeschäft. 1939 begann das Adressbuch, regelmäßig Mieter im Hinterhaus aufzulisten ‚H‘ als Zusatz zur Stockwerksangabe), hier die Schleiferei Max Horn und den Friseur Robert Stadler. 1941 brachte einen neuen Inhaber der Feinkosthandlung (Paul Wehn), ein "Frisiergeschäft" im Parterre (Georg Meißner), und eine Wohnungsmieterin im Hinterhaus (statt der Schleiferei). Das erste Nachkriegsadressbuch 1949 verzeichnete als Zusatzeintrag, dass Feinkostladeninhaber Paul Wehn in der Wolkengasse 27 seine Wohnung habe. 1951 hatte sich das Haus zunehmend vor allem mit Privatmietern gefüllt. Hausbesitzer Richard Grunewald war verstorben, seine Witwe Luise Grunewald hatte das Erbe angetreten. Als neues Geschäft war einmalig der Blumenhändler Heinrich Jungermann verzeichnet, der anschließend seinen Laden in die Bahnhofstraße 15a verlegte. Das Adressbuch 1954 listete nun die Adresse Bahnhofstraße 27 H separat auf, Eigentümerin Luise Grunewald, mit drei Wohnungsmietern. Eine Metzgerei Leidig und Sohn war 1957 neu im Parterre untergebracht, vermutlich mussten Friseur Meißner, Tapetenhändler Harnisch und/oder Lebensmittelhändler Wehn etwas zusammenrücken. Das letzte hier betrachtete Adressbuch 1959/60 sah einen neuen Metzgerei-Inhaber "J. Schik", den Auszug der Geschäfte von Karl Harnisch und Paul Wehn, sowie den Einzug einer "Tempo-Expreß"-Reinigung.

Hausnummer 29 und 29 H Auch das Haus Bahnhofstraße 29 gehört zu den Häusern, von denen Obervermessungsrat Heinrich Schmidt (im Amt 1939 bis 1969), ansonsten Verfechter der Nachkriegs-Kahlschlagspolitik, im Jahr 1981 schrieb: "(...) daß bei Anwendung der heutigen städtebaulichen Maßstäbe zumindest die Wohn- und Geschäftshäuser Bahnhofstraße 23 (Steinberger) bis 33 (Tapeten-Kreiling) nicht abgebrochen worden wären" (Wandlungen in der Innenstadt Gießens, Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins Nr. 66, 1981). 1906 gehörte das Haus Eveline Fangmann, der Witwe des Modewarenhauses Anton Fangmann, Inhaber Otto Fangmann, welches das Erdgeschoss belegte. Neben einem Zigarrenfabrikanten namens Jakob Abt wohnten ansonsten nur private Mieter im Haus, darunter zwei Damen, die möglicherweise im Modehaus angestellt waren (Christiane Birk, Modistin, und Marie Fromme, "Kleidermacherin"). 1917 war das Eigentum am Haus an den nicht dort lebenden Kaufmann Theodor Vaubel übergegangen. Vaubel bzw. ab 1951 seine Erben blieben bis mindestens 1959/60, wahrscheinlich sogar bis zum Ende des Hauses die Besitzer, ehe es wie die Nachbarhäuser für den Bau des "City Center" abgerissen wurde. Ebenfalls 1917 abzulesen ist, dass das Modewarengeschäft zwischenzeitlich von der Fa. "J. Ittmann, Möbel-, Konfektions- und Manufakturwarengeschäft" abgelöst worden war (also eine Art frühzeitliches Ikea). An Privatmietern zählen wir hier mal exemplarisch für die Bahnhofstraße die Berufe bzw. Personenstände auf: Eisenbahn-Unterassistent, Kanzleigehilfe, Dentisten-Witwe, Oberwachtmeister i. R., Metzgermeister-Witwe, Gerichtsvollzieher, Schneider, und Briefträger, also ein kleinbürgerliches Umfeld wie gemalt.
1920 brachte nur eine Namensänderung beim Ittmannschen Gewerbe, welches sich jetzt "Oberhessisches Möbelversandhaus" nannte, und 1921 zur "Oberhessischen Möbelindustrie" befördert wurde. 1927 erfolgte eine Degradierung zur "Möbelhandlung" (ich vermute, Ittmann wollte nichts für ein Inserat im Adressbuch ausgeben). Im zweiten Stock war im gleichen Jahr ein neues Gewerbe vermerkt, hier hatte sich Albert Adler mit chemisch-technischen Fabrikaten niedergelassen. Zwischen 1927 und 1931 verschwand das Ittmannsche Möbelunternehmen, und das Tapetenhaus und Tapeziergeschäft Heinrich Kreiling hielt Einzug. Auch Albert Adler war wieder verschwunden.

Der allgemeine Wirtschaftsaufschwung unter den Nationalsozialisten hinterließ auch in der Bahnhofstraße 29 seine Spuren. Zwischen 1931 und 1937 eröffnete Schade & Füllgrabe im Parterre eine Filiale, neben Kreilings Tapetenhaus. Im dritten Stock bot der Schneider Karl Bender Maßgeschneidertes für Herren an. Zwischen 1939 und 1941 übernahm Schade & Füllgrabe offenbar das gesamte Erdgeschoss. Heinrich Kreiling blieb zwar im Haus wohnen, hatte sein Geschäft aber in die Bahnhofstraße 33 verlegt. 1941 neu im Haus war eine "Lichterfelder Ersatzkasse", vermutlich nur ein Büro in einem der oberen Geschosse (nicht angegeben). Die war jedoch bereits 1949 verschwunden bzw. wurde ca. 1950 ersetzt durch den "Sanitätsverein Gießen, Krankenversicherungsverein a. G., Geschäftsstelle" (Adressbuch 1951). Neu war im Jahr 1951 auch der Einzug eines weiteren prominenten Geschäfts: in der Sonnenstraße ausgebombt, hatte die J. H. Fuhr KG mit ihren Spielwaren vorerst in der Bahnhofstraße 29 Unterschlupf gefunden. Im erstmals eingetragenen Hinterhaus werkelten die Schreinerei Heinrich Döring und die bereits 1939 in der Bahnhofstraße 27 verzeichnete Schleiferei Max Horn. 1954 war das Haus dann bis zur Halskrause gefüllt. Anscheinend war mittlerweile das Dachgeschoss ausgebaut worden, allein dort drängten sich jetzt fünf Mieter, wo vorher höchstens einer gemeldet war. Insgesamt 15 Privatwohnungen waren vermietet. An Gewerben bestanden im Vorderhaus nur noch die Schade-Filiale und die Maßschneiderei Bender, Fuhr hatte zwischenzeitlich seinen Neubau in der Sonnenstraße bezogen. Auch die Schreinerei im Hinterhaus war wieder verschwunden. 1957 hatte die zwei Jahre zuvor begründete Bundeswehrmacht ihre Spuren im Haus in Form eines Stabsfeldwebels im ersten Stock hinterlassen. Und im Hinterhaus hatte sich die Schleiferei Horn als "Messerschmiede" spezialisiert. Auch 1959/60 gab es einen unverändert hohen Stand an Privatwohnungen im Haus, Schneidermeister Bender hatte sich zur Ruhe gesetzt, und somit war Schade & Füllgrabe der letzte verbliebene Gewerbemieter im Vorderhaus. Im Hinterhaus kam zur Messerschmiede noch ein Weißbinder, der vielleicht aber dort auch nur gewohnt hat.

Hausnummer 31 und 31 H Besitzer dieses Hauses war im gesamten Erfassungszeitraum der hier verwendeten Adressbücher Christian Arnold und dessen Erben. Arnold war Inhaber eines Möbelhauses, das ebenfalls in diesen 60 Jahren Bestand hatte. Von 1906 bis einschließlich Adressbuch 1922 existierte darüberhinaus im Parterre die Gaststätte "Zum Solmser Hof", jedoch in diesem Zeitraum von drei verschiedenen Wirten geführt. 1906 war dies Wilhelm Wagner, 1917 Heinrich May, und 1920, 1921 und 1922 August Guntrum. Die zugehörige Wohnung der Wirte befand sich im ersten Stock des Hinterhauses. Zwischen 1922 und 1925 wurden die Zapfhähne für immer zugedreht. Der letzte Wirt blieb im Hinterhaus wohnen und versuchte sich als Eisendreher (1927) und Buchdrucker (1931). Im Adressbuch 1937 tauchte er nicht mehr auf. 1906 verzeichnete das Adressbuch folgende weitere Gewerbe im Haus: die Verkaufsstelle des "Konsum-Verein Gießen und Umgegend, G.m.b.H." im Parterre, und die "Kurz-, Woll- und Seilerwarenhandlung" von Wilhelm Petry im 1. Stock. Beide waren 1917 nicht mehr aufgeführt. 1920 und 1921 betrieb der Wagnermeister Otto Faber eine Werkstatt im Parterre des Hinterhauses, und von 1917 bis 1921 bot Schneidermeister Wilhelm Balser im 2. Stock seine Dienste an. Die Wohnungen im Haus waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts gut belegt, sieben bis neun Mietparteien jeweils bis einschließlich 1921. Die allgemeine Mieterflaute in den 1920er Jahren machte sich in der Bahnhofstraße 31 erst 1925 bemerkbar (nur noch vier vermietete Wohnungen im Vorderhaus). Einer der treuesten Mieter war dabei der Ofensetzer Bernhard Nonnewitz, der über 30 Jahre im Haus wohnte, aber auch der Name Tränkner war in allen Adressbüchern mit unterschiedlichen Familienmitgliedern von 1917 bis 1959/60 vertreten. Im Hinterhaus hatte sich 1937 der Schlosser Karl Wild niedergelassen und blieb dort bis 1949. Seit 1951 listeten die Adressbücher wie auch in den Nachbarhäusern das Hinterhaus separat als Nr. 31 H. Ab 1954 nutzte die Firma Arnold das Hinterhaus selbst. All diese Solidität half nichts, auch Hausnummer Bahnhofstraße 31 mußte dem City Center weichen.

Hausnummer 33 und 33 H Gleich drei Gewerbebetriebe hatte die Bahnhofstraße 33 zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Parterre aufzuweisen: Friedrich Lotz, Barbier und Friseur; Wilhelm Reusch, Uhren-, Gold- und Silberwarenhandlung; Wilhelm Friebel, Sattlerei. Letzterem gehörte das Haus, hatte es vielleicht sogar bauen lassen. Weitere Gewerbe gab es möglicherweise in den Etagen, hier hatte sich im ersten Stock der Tierarzt Dr. Heinrich Köhler niedergelassen, und im zweiten Stock wohnte der Versicherungsagent Carl Haberkorn, hatte vermutlich auch dort sein Büro. Dazu kamen sechs Mietwohnungen und ein Hinterhaus mit einem Mieter. Vor 1917 hatte Juwelier Reusch das Haus verlassen, in seinen Geschäftsräumen hatte Luise Joost eine Papierwaren- und Zigarrenhandlung eröffnet. Im zweiten Stock betrieb Schneidermeister Sally Oppenheim eine Herren- und Damenschneiderei. Wilhelm Friebel war verstorben (vielleicht an der Front des Ersten Weltkriegs), die Sattlerei geschlossen, und seine Witwe Auguste Friebel hatte das Haus geerbt. Die nächste Änderung gab es zwischen 1921 und 1922, als Auguste Friebel das Haus an Hugo Leopold verkaufte, der nicht im Haus wohnte. Zwischen 1925 und 1927 löste Karl Mahnkopp, ebenfalls nicht im Haus wohnend, Hugo Leopold als Hausbesitzer ab. Eine seltsame Geschäftsbezeichnung fand sich ebenfalls im Adressbuch 1927, der bereits 1925 im ersten Stock eingetragene Herbert Kostarz, wie alle anderen in dieser Adressbuch-Ausgabe ohne Profession und Gewerbeeintrag, firmierte nun als Vertreiber von "Jugendschriften und Wanderkram" (sic!). Im Folge-Adressbuch 1931 war Kostarz als Journalist aufgeführt. Zwischen 1931 und 1937 gab es einschneidende Änderungen im Haus. Besitzer Karl Mahnkopp war verstorben, neue Besitzerin seine Witwe Else Mahnkopp. Die zog auch persönlich mit dem Geschäft ihres Gatten ins Parterre, "Kaiser-Magazin Carl Mahnkopp" hieß es nun (möglicherweile eine Filiale oder Franchise des Kaufhaus Schellenberg in Frankfurt am Main). Friseur Lotz und Luise Joosts Tabak- und Schreibwarenhandlung waren verschwunden. Dazu gab es nur noch das Geschäft von Sally Oppenheim und vier vermietete Wohnungen. 1939 sah Luise Mahnkopp und das "Kaiser-Magazin" bereits wieder nicht mehr im Haus, als Besitzer waren jetzt "Mahnkopp, Erben" vermerkt.

Schneidermeister Sally Oppenheim war nunmehr nur noch lapidar als "Oppenheim, Samuel" eingetragen, und als weiteres Zeichen der Judenverfolgung wohnte jetzt neu Wolf Reinstein mit dem Zwangszusatz "Israel" im Haus. Sowohl Oppenheim als auch Reinstein waren im Adressbuch 1941 nicht mehr eingetragen.

Im gleichen Adressbuch war ein weiterer Besitzerwechsel zu Ludwig Heid, Verwaltungsobersekretär abzulesen. Im vorigen Adressbuch war Heid, Beruf Betriebsprüfer, noch als Mieter genannt. Gewerbe im Haus schienen 1941 nicht mehr vorhanden zu sein. Das unvollständige Nachkriegs-Adressbuch 1949 läßt den Besitzer offen, derjenige von 1951 war aber bereits zumindest als Mieter gelistet: Heinrich Kreiling, Tapeziermeister und sein Tapetenhaus. Das blieb so bis 1959/60. Auch waren 1951 gegenüber den Vorjahren wieder viele Mieter verzeichnet, offenbar hat der Erwerb des Hauses durch Kreiling wieder Stabilität gebracht und jemanden, der sich um die Vermietungen bemühte. Vorgänger Ludwig Heid war möglicherweise nicht wirklich der Besitzer, sondern nur eine Art Verwalter. Auch 1951 war bereits wie bei den Nachbarn das Hinterhaus separat als Nr. 33 H aufgeführt. Kreiling hatte es zunächst an den Gießener Frachtenkontor vermietet, danach aber selbst als Lager für das eigene Geschäft benutzt. Vielleicht noch erwähnenswert aus den Einträgen im Adressbuch 1959/60: Neben einem Versicherungsbüro von August Weller ("Versicherungen aller Art") findet sich auch ein "Krankenversicherungsverein a. G. ‚Schutz und Hilfe‘" (a. G. = auf Gegenseitigkeit), vermutlich ist es nicht abwegig, eine Verbindung zu Wellers Versicherungsbüro zu ziehen. Einen Verein ähnlichen Namens gab es auch schon in der Bahnhofstraße 29 (Adressbuch 1951). Des weiteren weist das Adressbuch 1959/60 zwei Studenten als Mieter aus (Name + "stud.", wofür auch immer das mit der Kleinschreibung stehen soll). Die unruhigen Zeiten in diesem Haus waren aber noch nicht vorbei, und hier sind die Studenten eine brauchbare Überleitung.

Offenbar hat mindestens Bahnhofstraße 33 vor dem Abriss bereirs eine Zeitlang leergestanden, mit der Folge, dass am 20.10.1971 der Gießener Anzeiger "Erste Hausbesetzung in Gießen" meldete. Wohnungssuchende Studenten hatten sich Zutritt verschafft und verkündet, bleiben zu wollen. Sie boten auch an, Miete zu zahlen. Wie lange die Besetzung dauerte, ist nicht überliefert. Offenbar aber wurde die Bahnhofstraße 33 nach dem Ende der Besetzung sofort als erstes der zum Tode verurteilten Häuser abgerissen, man kann sich die Begründung leicht vorstellen, wenn man weiß, was 1981 auf dem Samen-Hahn-Gelände geschah: Abgerissen, um eine (weitere) Besetzung zu verhindern.

Bahnhofstraße 27
1910er
Quelle: N.N.
Bemerkung: Das Haus stammt aus der Zeit nach Anlage der Bahnhofstraße Mitte des 19. Jahrhunderts.
Bahnhofstraße 29
ca. 1968
Quelle: Stadtarchiv Gießen
Bemerkung: Hier residierte eine Filiale der Supermarkette Schade & Füllgrabe. Ja, schade.
Bahnhofstraße 31
ca. 1971
Quelle: Stadtarchiv Gießen
Bemerkung: Schon verschwunden: Nr. 33 rechts daneben
Bahnhofstraße 33, Ecke Wolkengasse (heute Reichensand)
1950er
Quelle: N.N.
Bemerkung: Das Haus an der Wolkengasse war 1971 Gießens erstes besetztes Haus, Protest gegen die Vernichtung von Wohnraum.
 

Straßen- und Häuserplan Seite 2
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