Teufelsverlustgärtchen: der unbekannte Stadtteil

Von Arno Baumgärtel und Gunter Klug

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Als Teufelslustgärtchen wird das rund 15.000 Quadratmeter große, von Seltersweg, Löwengasse, Bahnhofstraße und Kaplansgasse umrahmte Quartier bezeichnet. Doch das ist nicht ganz richtig: Das eigentliche Teufelslustgärtchen war eine Straße in dem Viertel. Auch heute, 2023, gibt es sie, aber die Sackgasse von ein paar Metern Länge ist eher ein Mahnmal für die fehlgeleitete Wiederaufbaupolitik in Gießen nach dem Zweiten Weltkrieg als eine Erinnerung an das verloren gegangene Quartier.

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Teufelslustgärtchen – Das „Shanghaiviertel“
im Spiegel Gießener Adressbücher zwischen 1917 und 1954

Von Gunter Klug

Für die Recherchen zu den einzelnen Hausnummern wurden insgesamt 11 Gießener Adressbücher von 1917 bis 1954 verwendet, die im Internet als Digitalisate frei verfügbar sind. Größere Lücken (mehr als vier Jahre) durch fehlende Adressbücher gibt es zwischen 1931 und 1937 sowie zwischen 1939 und 1951.

Die Adressbücher wurden im Verlag der Brühlschen Universitätsdruckerei herausgegeben und trugen ab ca. 1927 den Hinweis „aus amtlichen und eigenen Quellen“ bzw. „für die Stadt nach eigenen Aufnahmen und behördlichen Unterlagen (...) bearbeitet“, d.h. es wurden Daten des Einwohnermeldeamtes verwendet. Zur „Berichtigung etwaiger Irrtümer“ legte die Brühlsche Probedruckbögen „wenigstens 2 Tage zur Einsichtnahme“ öffentlich aus. Gleichwohl finden sich hier und da fragwürdige Einträge, die so nicht stimmen können. Es ist klar, dass der Informationsgehalt der Adressbücher, was die Bewohner des Viertels angeht, relativ beschränkt ist. Zum einen wegen der fehlenden Jahrgänge, zum anderen, weil in ihnen jeweils nur die „Haushaltsvorstände“ aufgelistet werden, hinter denen in vielen Fällen noch Ehepartner, Kinder und weitere Familienmitglieder stecken können, sofern diese keinen eigenen Haushalt in den Räumlichkeiten führen und daher nicht beim Einwohnermeldeamt registriert sind. Ein weiteres Manko ist, dass die angegebenen Berufe der aufgelisteten Bewohner wohl nicht immer der Realität entsprechen und dass in zwei Adressbuch-Jahrgängen die Berufe komplett weggelassen wurden (1921 und 1922). Bei Gewerben ist nicht immer sauber unterschieden, ob der Schuhmacher XY unter der angegebenen Adresse nur gewohnt hat oder dort sein Gewerbe betrieben hat, oder aber beides.

Dennoch lassen die Daten ein paar Rückschlüsse auf die soziale und ökonomische Struktur des Quartiers zu. Vorweggeschickt sei hier, dass der schlechte Ruf der Gegend um Teufelslustgärtchen, Katharinen- und Löwengasse vor allem aus den Nachkriegsjahren des 2. Weltkriegs stammt. Zwei von Angehörigen der US-Armee frequentierte Wirtschaften („Romantica-Bar“, Löwengasse 17, und „Bel Ami“, Löwengasse 20), Prostitution, Schlägereien und MP-Einsätze, mit Ausgebombten und Flüchtlingen überfüllte Wohnungen und die Armut der 40er- und 50er-Jahre, welche hier die sozial Schwächeren umso härter traf, verschafften dem schon damals in den Planungen der Stadtoberen zum Tode verurteilten Areal ein Odeur von Soho und Bronx. Dazu kam der allgemeine bauliche Verfall, denn wo auch mal ein Tagelöhner ein Haus besitzen konnte, reichte der Etat meist nicht für notwendige Reparaturen und Sanierungen. Dabei hatte das Viertel im Krieg noch Glück gehabt. Flächige Zerstörungen durch Bomben trafen zwar benachbarte Teile der Stadt heftig, aber nur vereinzelte Fehlwürfe gingen im Bereich von Teufelslustgärtchen & Co. nieder. Die meisten Zerstörungen gab es rundherum im Seltersweg und an der Kaplansgasse. Im Viertel fiel die rechte Seite der Löwengasse bis zum Eingang des Teufelslustgärtchens den Bomben zum Opfer, und einzelne Einschläge gab es in der Katharinengasse und der mittleren Löwengasse.

Die meisten Häuser des Viertels gehörten Bewohnern, die selbst darin wohnten und die dann auch vererbt wurden. Meist waren dies Handwerker (Schmiede, Metzger, Bäcker, Kaufleute). Handwerker waren es auch, die schon mal ein benachbartes, zum Verkauf stehendes Haus dazu erwarben, um ggf. Platz für eine Betriebsausweitung zu haben. Es gab aber auch Besitzer, die nicht in den Häusern wohnten oder dort ein Gewerbe hatten, und Geld genug besaßen, ihren Immobilienbesitz nach und nach auszuweiten. Das Interesse lag hier sicher nur in den Mieteinnahmen aus den heruntergekommenen Häusern. Vielleicht wurde auch auf Grundstückswertsteigerungen im Falle von Abriss und Neubebauung spekuliert.

Der größte dieser „Slumlords“ jedoch war die Stadt Gießen, die nach dem Krieg begann, zum Verkauf stehende Häuser zu übernehmen. 1951 bzw. 1954 hatte die Stadt bereits fünf Häuser in ihren Besitz gebracht und darin auf engstem Raum ausgebombte Wohnungssuchende und Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten untergebracht. Als diese Menschen später wieder in normalere Verhältnisse zurückkehren konnten oder Neubauwohnungen fanden, wurden die dann leerstehenden Häuser nach und nach abgerissen und die freiwerdenden Flächen bis zum Bau von Horten und City-Center als Parkplatz zweckentfremdet. Auf diese Weise konnte auch Druck auf die verbliebenen Besitzer und Bewohner ausgeübt werden, ihre Häuser herzugeben und wegzuziehen.

Man stelle sich vor, das Teufelslustgärtchen und die angrenzenden Straßen wären ihrer flächenmäßigen Struktur nach sowie die Gebäude erhalten geblieben und mit der Zeit erneuert, die Baulücken geschlossen worden...

Ansicht von oben

Von Arno Baumgärtel

Der nachfolgende Straßen- und Häuserplan ist keine geodätische Arbeit. Er basiert einerseits auf dem Stadtentwicklungsplan von 1948, der wiederum die Häuser- und Grundstücksgrenzen der Vorkriegszeit wiedergibt. Es wird nicht zwischen Wohn- und Gewerbegebäuden unterschieden; andererseits auf dem 2020 öffentlich zugänglich gemachten 3D-Abbild im Mesh-Verfahren durch das Vermessungsamt der Stadt Gießen. Die Intention ist vielmehr, ein Gefühl für die räumlichen Zusammenhänge in diesem verlorenen Stück Gießen zu vermitteln. Die Ziffern kennzeichnen nur die Haupthäuser. Wie viele der Hinterhofgebäude oder Anbauten erhalten geblieben und noch benutzbar waren, ist nicht bekannt. In grün: Nachkriegsgebäudebestand, ohne Berücksichtigung des baulichen Zustands (Irrtum vorbehalten).

Direkt: Katharinengasse Löwengasse Teufelslustgärtchen Kaplansgasse
Umgebung: Bahnhofstraße Seltersweg

Ansicht von Osten, um 1928

Im Vordergrund: Johanneskirche, Goethestraße und Seltersweg

Ansicht von Süden, um 1930

Bildrand links: Bahnhofstraße, im Vordergrund: Löwengasse

Grün markiert: die lokalisierten Häuser im Teufelslustgärtchen (Irrtum vorbehalten).
rot Seltersweg orange Löwengasse gelb Katharinengasse pink Bahnhofstraße blau Kaplansgasse

Straßen- und Häuserplan (Seitenanfang) oder direkt:
Katharinengasse Löwengasse Teufelslustgärtchen
Kaplansgasse
Umgebung: Bahnhofstraße Seltersweg

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