Hausnummern im Teufelslustgärtchen 1906 – 1954
Destilliert aus den Adressbüchern 1906, 1917, 1920, 1921, 1922, 1925, 1927, 1931, 1937, 1939, 1951, 1954, dem Kriegsschadensplan der Stadt Gießen von 1947, und einer Skizze des Planungsamts von 1948
Von Gunter Klug
Allgemeines über die Hausnummern: Die Zählung beginnt am Seltersweg mit den ungeraden Nummern links, geht dann ungerade weiterzählend links um die Ecke bis zur Löwengasse. Von da springt die Zählung ganz ans hintere Ende des TLG und fängt dort an, die Zählung mit geraden Hausnummern fortzusetzen (rechte Seite, wenn man zur Löwengasse blickt) und endet mit der Nummer 28 wieder an der Löwengasse. Die letzte ungerade Hausnummer ist die 11, die geraden starten in von dort maximal möglicher Entfernung im Quartier (quasi hinter Seelbachs Garten) dann mit 12, sofern man Seltersweg 26 H nicht einrechnet, welches zeitweilig als TLG Nummer 8 gelistet ist. Durchgehend nicht vorhanden sind die Hausnummern 1, 2, 4, 6, 7, 10, und die ungeraden 13 bis 27. Nr. 8 und Nr. 16 gibt es jeweils nur kurzzeitig, Nr. 20 ist die alte Hausnummer von Nr. 18 (1917 bis 1927), die Nummer 20 existiert ab 1931 nicht nehr. Nr. 24 taucht in den Adreßbüchern 1917 bis 1927 als Anhängsel von Nr. 22 (Carl Flett, Nr. „22/24“) auf und verschwindet anschließend. Zwischen 1927 und 1931 gibt es eine Neuordnung der Hausnummern, wovon im Viertel besonders die Löwengasse betroffen ist, aber auch das TLG.
Alle Häuser im Teufelslustgärtchen, sofern sie bis dahin noch existierten, wurden 1964 abgerissen.
Hausnummer 3, Besitzer 1916 – 1925 Adam Reinig (Messerschmied), ab 1927 Wilhelm Georg, erstes Gebäude links hinter dem Seltersweg-Eckhaus Reinig. Beide Besitzer als nicht im Haus wohnend aufgeführt. 1906 vermerkte das Adressbuch den Kutscher Heinrich Prinz im Parterre. Seine Frau Marie betrieb dort eine Gemüsehandlung. Im Obergeschoss gab es dazu vier Mietparteien. 1917 bis 1927 war im Parterre der Gemüsehändler Wilhelm Grätzer oder Krätzer eingemietet, der wohl das Geschäft von Prinz übernommen hatte, wobei nie die Bezeichnung „Gemüsehandlung“ gebraucht wurde. 1931 und 1937 befand sich im Parterre die Schuhmacherei Börding. Hierher gehört auch, dass in diesem Zeitraum das eingezäunte Ziergärtchen abgetragen wurde, welches sich in der Einmündung des TLG vom Seltersweg her befand, an seiner Stelle entstand ein eingeschossiger verglaster Ladenanbau der Fa. Reinig. Zwischen 1937 und 1939 wechselte komplett die Mieterschaft, die zuvor immer aus 3 bzw. 4 Mietparteien bestand. Das Gebäude war niedrig und verfügte nur über ein Stockwerk plus Dachgeschoß. Vorhanden in den Adreßbüchern nur bis 1939, 1951 und 1954 nicht mehr. Das Haus wurde 1944 schwer beschädigt, die vom Seltersweg aus gesehen vordere Hälfte abgerissen, die hintere Hälfte, direkt an Nr. 5 angrenzend, wurde diesem zugeschlagen. Dieser Überrest stand noch bis 1964, als das gesamte Teufelslustgärtchen für die Trasse der neuen Katharinengasse fiel.
Hausnummer 5, Haus an der Ecke („Maseberg-Haus“, Mieterin 1951 und 1954 „Margarete Maseberg, Wwe.“), an der der TLG-Abzweig zur Löwengasse begann. Eigentlich handelte es sich um zwei Häuser, ein kleines eineinhalbgeschossiges Haus traufseitig zum TLG-Abschnitt Richtung Seltersweg stehend, welches bis 1944 zusammen mit Nr. 3 eine Einheit bildete, und ein größeres dreigeschossiges Haus, welches traufseitig und mit dem Eingang zum TLG-Abschnitt Richtung Löwengasse stand. 1925 und 1927 waren hier auch Mietparteien in einem Hinterhaus gelistet, wobei einer dieser Mieter ab 1931 wieder in die Gesamtliste der Mietparteien gewandert ist. 1906 verzeichnete das Adressbuch als Besitzer den Rentner Karl Retter. 1917 und 1920 gehörte das Haus dem Kaufmann Karl Ampt (nicht im Haus wohnend), ab 1921 hieß der Besitzer Heinrich Nuhn, zunächst als nicht im Haus wohnend und ab 1925 als Bewohner aufgeführt. 1939 lautete sein Eintrag „Maurergeschäft“, in den anderen Adreßbüchern ist nur der Beruf Maurer bzw. Maurermeister (1954 Baumeister) angegeben. Da es hinter dem Haus noch Nebengebäude gab, könnte es sein, dass dort das Lager des Maurergeschäfts war.
Hausnummer 8, gegenüberliegend dem „Maseberg-Haus“, Nummer in der Planskizze 1948 nicht vergeben. Zwischen dem Haus und dem TLG stand direkt an der Gasse noch eine Holzscheune. Vorhanden in den |
Adressbüchern 1917 – 1927, Eigentümerinnen bzw. Eigentümer waren 1906 die Witwe eines Buchbindermeister, Marie Lüdeking, 1917 dann zwei Damen („Privatin“) namens Lüdeking, ab 1920 „Berthold Kuhne, Sattlermeister, Werkstatt“ sowie zwei bis vier Privatwohnungen, wobei eine der ursprünglichen Besitzerinnen noch bis 1925 im Haus wohnte. Zwischen 1927 und 1931 erhielt das Haus die Hausnummer Seltersweg 26 H (Hinterhaus), welche es auch noch 1954 trug. 1931 bis 1939 tauchte Berthold Kuhne nur noch als Eigentümer, aber nicht mehr als Bewohner auf. 1951 und 1954 war Katharine bzw. Käthe Kuhne als Eigentümerin vermerkt. Die Werkstatt wurde in dieser Zeit von Sattlermeister Konrad List betrieben. Wie in den meisten Häusern waren in den 1950ern fast doppelt soviele Bewohner als vor dem Krieg registriert, offenbar eine Folge des Wohnungsmangels in der zerstörten Stadt.
Hausnummer 9, Doppelhaus mit Nr. 11, im Wegstück Richtung Löwengasse erstes Haus auf der linken Seite nach dem Maseberg-Eckhaus. Zunächst 1906 bis 1921 im Besitz des „Anatomiedieners“ Friedrich Belloff, ging das Haus ab 1922 an Johann Peter Rosenbecker und zwischen 1939 und 1951 an Maria Rosenbecker. 1954 war das Haus als Eigentum der Stadt ausgewiesen. Die räumlichen Verhältnisse im Haus waren offenbar eng, und die Besitzer lebten entweder allein darin (Belloff) oder mit einem, selten zwei Mietern, davon einer im Dachgeschoß.
Hausnummer 11, Doppelhaus mit Nr. 9, letzte Adresse links vor der Löwengasse (aus der Löwengasse betrachtet hinter dem Grundstück Löwengasse 10, auf dem später das Strumpflädchen stand). Besitzer 1906 war der Fellhändler Israel Klebe, 1917 dann „Israel Klebe, Erben“ und ab 1920 Sally Klebe, die hier das Lager einer „Darm- und Fellhandlung“ betrieb. In 1922 war ein Familienmitglied für Stockwerk 1 und 2 vermerkt, 1931 als Mieter die Schuhmacherei Adolf Stumpf. Im Adressbuch 1937 war mit dem Tapezierer Karl Kraft ein neuer Besitzer eingetragen. Angesichts der jüdischen Herkunft der Familie Klebe kann man sich wohl fragen, ob dieser Wechsel mit rechten Dingen zugegangen ist. 1951 gehörte die Haushälfte dann der Hausfrau Elisabeth Kraft, und wurde schließlich zwischen 1951 und 1954 von der Mieterin Marianne Graf übernommen, die bereits 1951 hier eine „Laufmaschenreparaturanstalt“ eingerichtet hatte und auch die Inhaberin des benachbarten „Strumpflädchens“ im Behelfsbau auf dem Grundstück Löwengasse 10 war. Der vorvorige Besitzer Karl Kraft war in den beiden 1950er Adressbüchern immer noch als Mieter im Teufelslustgärtchen 11 vermerkt.
Hausnummer 12: Hinterste Ecke des TLG neben Seelbachs Garten und an der Rückseite der Bebauung Kaplansgasse gelegen. In keinem Adressbuch gelistet, nur in der Planskizze 1948 eingetragen, daher auch kein Besitzer bekannt. Eventuell ein Lagerschuppen o.ä.
Hausnummer 14: In der Planskizze 1948 neben Seelbachs Garten, direkter Nachbar von 12, wieder weiter ins TLG hinein. Vorhanden in den Adressbüchern 1906 bis 1939. Besitzer ursprünglich Ludwig Stroh, Tapeziermeister, und ab 1925 „Ludwig Stroh, Erben“. 1939 war der Monteur Franz Ellermeier, zuvor Mieter in allen Adressbuchjahren, alleine eingetragen. Ob er auch neuer Besitzer wurde, bleibt unklar. Nach dem Krieg war die Adresse nicht mehr belegt.
Hausnummer 16: 1906 war im Adressbuch unter dieser Hausnummer eine Besitzerin namens Marie Müller, Witwe des Fuhrmanns Philipp Müller, gelistet. Dazu gab es im Parterre eine Mieterin. Danach verschwand die Hausnummer bis 1954. Nur im Adressbuch 1954 war dann „Albert Ruch, Schreinerei“ eingetragen. Die Hausnummer war in der Planskizze 1948 nicht vorhanden. Vermutlich wurde hier nach dem Krieg behelfsmäßig ein Gewerbebau auf einem Ruinengrundstück errichtet.
Hausnummer 18: Nur im Adressbuch 1906 war unter dieser Hausnummer ein Eintrag zu finden. Besitzer war der Schuhmacher Heinrich Rabenau I, sein Mitbewohner der Schlossergeselle Heinrich Rabenau II. Was aus diesem Haus wurde, ist unklar. Die Hausnummer wurde noch bis 1927 freigehalten, ehe dann Nummer 20 zur Nummer 18 wurde. – WEITER IM TEXT  |
Hausnummer 20, ab 1931 Hausnummer 18: „Das alte Haus von Rocky Tocky“. In den Adressbüchern 1917 bis 1927 noch mit Hausnummer 20 gelistet, später in allen weiteren Adressbüchern mit Nummer 18. Besitzer 1906 bis 1921 war der nicht im Haus wohnende Schmiedemeister Johann Kaspar Heß, 1922 - 1931 „Johann (Kaspar) Heß, Erben“, 1937 und 1939 „Heß, Erben“, 1951 dann ein „Albert Heß, G.-Wieseck“ und 1954 schließlich „Albert Heß, Samenhandlung“. Nummer 18 war mit 5 Stockwerken das höchste Haus im TLG und hatte meist 8 bis 10 Mietparteien in einer für das Viertel exemplarischen demografischen Zusammensetzung von Handwerkern, Arbeitern,
Für den Bewohner Hans Rosenbaum aus dem 4. Stock wurde 2013 ein Stolperstein verlegt. Er war im Dritten Reich an der illegalen Herstellung und Verteilung von Flugblättern gegen das Nazi-Regime beteiligt und wurde 1937 zusammen mit anderen wegen Hochverrat verurteilt. 1945 wurde er in Buchenwald ermordet. Da vom Teufelslustgärtchen rein gar nichts mehr existiert, wurde der Stolperstein vor der Katharinengasse 11 verlegt. Die ursprüngliche Adresse war etwa dort, wo heute der Haupteingang von C&A ist. |
Kleinhändlern, Rentnern und „Invaliden“, wie es damals in den Adressbüchern hieß. Zusätzlich fand sich im Adressbuch 1937 unter Nummer 18 der Gewerbeeintrag „Wilhelm Kern, Chabesofabrik“, ein Getränkehersteller, ohne Lagebezeichnung. Danach tauchte die Chabesofabrik seltsamerweise in den Adressbüchern erst wieder 1951 auf, jetzt allerdings unter der Adresse Löwengasse 20 H. Untergebracht war der Betrieb in einem hölzernen Flachbau direkt neben Nummer 18, möglicherweise das Gebäude, welches in der Planskizze 1948 mit „zu 18“ eingezeichnet war.
Hausnummer 22/24, ab 1931 22: Besitzer im gesamten hier betrachteten Zeitraum war der Schlossermeister Carl Flett (andere Schreibweise Karl Flett), der im Parterre seine Schlosserei betrieb. In all den Jahren wohnten immer auch Mieter im Haus, von denen manche in der Schlosserei arbeiteten. Das Haus stand recht zentral im „Eck“, wie die Bewohner den Linksknick im Wegeverlauf des TLG (von der |
Löwengasse aus betrachtet, gegenüber der Einmündung des TLG-Abschnitts vom Seltersweg her) nannten. Es gibt ein paar Fotos, die vom Seltersweg aus ins TLG aufgenommen wurden und auf denen der große Firmenschriftzug auf der Giebelseite gut erkennbar ist. In den Adressbüchern 1906 - 1927 als Nummer 22/24 gelistet, danach in den Adreßbüchern 1931 bis 1939 nur noch 22. Das Haus wurde 1944 zerstört, nicht wiederaufgebaut und war daher in den beiden 50er-Jahre-Adressbüchern nicht mehr vorhanden.
Hausnummer 26, vorletztes Haus in Blickrichtung Löwengasse vor der Löwengasse. In allen Adressbüchern vorhanden. Zeitweiliges Gewerbe Katharine Schmitt, „Gesindevermieterin und Spitzenhandlung“ (1906), später „Spezial-Spitzengeschäft Kath. Schmitt“ (1917 ff.). Im Adressbuch 1937 war als Besitzer „Kath. Schmitt, Erben“ eingetragen, und möglicherweise wurde das Geschäft kurzzeitig von einer neuen Inhaberin weitergeführt. Bereits 1939 hatte das Haus erneut den Besitzer gewechselt, bis 1951 mindestens gehörte es dem Rentner Johannes Haas, und 1954 einer Elisabeth Neher. Waren in der Nr. 26 bis einschließlich 1939 lediglich ein oder zwei Mieter gemeldet, stieg die Zahl 1951 sprunghaft auf sieben an, wie auch in vielen anderen Häusern Gießens eine Folge zerstörten Wohnraums und des Zustroms an Flüchtlingen. In einer Fernsehreportage des Hessischen Rundfunks aus dem Jahr 1964 über den „verkehrsgerechten“ Ausbau der Städte war der Abriß von Nummer 26 prominent eingefangen.
Hausnummer 28, Eckhaus an der Löwengasse, in allen recherchierten Adressbüchern eingetragen. Vom Äußeren und den Bewohnern gehörte es sicher zu den besseren im Viertel. Besitzer waren durchgehend Mitglieder der Familie Georg, 1906 zuerst „Ludwig Georg, Rentner“, und zuletzt „Georg, Erben“. Auch wohnten in allen Jahren Personen aus der Familie Georg im Haus, im Adressbuch 1954 gleich vier. Scheinbar wurde das Haus nach dem Krieg zumindest zeitweilig als Privatpension geführt. Als das Teufelslustgärtchen 1964 abgerissen wurde, war dieses Haus eines der letzten, welches dem Bagger zum Opfer fiel.
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