Fortsetzung von Seite 1 
Seite 3 
–
Altstadtsanierung im Nationalsozialismus
– Die Rolle des Automobils
– Prägend: Wilhelm Gravert, Heinrich Schmidt
– Wiederaufbau und das 'Baulandumlegungsverfahren'
– Die Einkaufsstadt
– Detektivarbeit
–Quellen
Ansicht von Osten
3D-Mesh-Ansicht, 2024

Straßen- und Häuserplan (Artikelanfang) 
Katharinengasse Löwengasse Teufelslustgärtchen Kaplansgasse 
Bahnhofstraße Seltersweg Wolkengasse 
Das Teufelslustgärtchen und wie es zu seinem Namen kam. Höchstwahrscheinlich ist diese Geschichte noch gar nicht auserzählt. In groben Zügen geht sie so: Die Frau eines Schuhmachers namens Deibel - dialektmäßig für Teufel - verliebte sich in diesem Gässchen in einen anderen. Der Rest wäre Drama. In der alternativen Geschichte war es der Schuhmacher aus dem Teufelslustgärtchen selbst, der eine Affäre einging. Auch hier Stoff für ein Drama. Vielleicht ist alles aber viel einfacher. Das Straßenstück selbst weist die Form eines T wie Teufel auf. Vom Seltersweg aus betrachtet blickte man damals am unteren Ende des T entlang, die Querung nach links führte zur Löwengasse, nach rechts in Richtung Seelbachs Garten. Und vielleicht war es auch das kleine, vom Seltersweg aus hineinführende Gartengrundstück, das dem Viertel den Spitznamen verpasste. |
Teufelslustgärtchen – das „Shanghaiviertel“ –
im Spiegel
Gießener Adressbücher
zwischen 1906 und 1954,
erweitert um die Wolkengasse
Von Gunter Klug
Für die Recherchen zu den einzelnen Hausnummern wurden insgesamt 12 Gießener Adressbücher von 1906 bis 1954 verwendet, die im Internet als Digitalisate frei verfügbar sind. Größere Lücken (mehr als vier Jahre) durch fehlende Adressbücher gibt es zwischen 1906 und 1917, 1931 und 1937 sowie zwischen 1939 und 1951.
Die Adressbücher wurden im Verlag der Brühlschen Universitätsdruckerei herausgegeben und trugen ab ca. 1927 den Hinweis "aus amtlichen und eigenen Quellen" bzw. "für die Stadt nach eigenen Aufnahmen und behördlichen Unterlagen (...) bearbeitet", d.h. es wurden Daten des Einwohnermeldeamtes verwendet. Zur "Berichtigung etwaiger Irrtümer" legte die Brühlsche Probedruckbögen "wenigstens 2 Tage zur Einsichtnahme" öffentlich aus. Gleichwohl finden sich hier und da fragwürdige Einträge, die so nicht stimmen können. Es ist klar, dass der Informationsgehalt der Adressbücher, was die Bewohner des Viertels angeht, relativ beschränkt ist. Zum einen wegen der fehlenden Jahrgänge, zum anderen, weil in ihnen jeweils nur die "Haushaltsvorstände" aufgelistet werden, hinter denen in vielen Fällen noch Ehepartner, Kinder und weitere Familienmitglieder stecken können, sofern diese keinen eigenen Haushalt in den Räumlichkeiten führen und daher nicht beim Einwohnermeldeamt registriert sind. Ein weiteres Manko ist, dass die angegebenen Berufe der aufgelisteten Bewohner wohl nicht immer der Realität entsprechen, und dass in zwei Adressbuch-Jahrgängen (1921 und 1922) die Berufe komplett weggelassen wurden. Bei Gewerben ist nicht immer sauber unterschieden, ob der Schuh-macher XY unter der angegebenen Adresse nur gewohnt oder dort sein Gewerbe betrieben hat, oder aber beides.
Dennoch lassen die Daten ein paar Rückschlüsse auf die soziale und ökonomische Struktur des Quartiers zu.
Vorweggeschickt sei hier, dass der schlechte Ruf der Gegend um Kaplansgasse, Teufelslustgärtchen, Katharinen- und Löwengasse vor allem aus den Nachkriegsjahren des 2. Weltkriegs stammt. Zwei von Angehörigen der US-Armee frequentierte Wirtschaften "(Romantica-Bar", Löwengasse 17, und "Bel Ami", Löwengasse 20), Prostitution, Schlägereien und MP-Einsätze, mit Ausgebombten und Flüchtlingen überfüllte Wohnungen und die Armut der 40er- und 50er-Jahre, welche hier die sozial Schwächeren umso härter traf, verschafften dem schon damals in den Planungen der Stadtoberen zum Tode verurteilten Areal ein Odeur von Soho und Bronx. Dazu kam der allgemeine bauliche Verfall, denn wo auch mal ein Tagelöhner ein Haus besitzen konnte, reichte der Etat meist nicht für notwendige Reparaturen und Sanierungen. Dabei hatte das Viertel im Krieg noch Glück gehabt, da flächige Zerstörungen durch Bomben zwar benachbarte Teile der Stadt heftig trafen, aber nur vereinzelte Fehlgänger im Bereich von Teufelslustgärtchen & Co. niedergingen. Die meisten Zerstörungen gab es rundherum im Seltersweg und an der Kaplansgasse, im Viertel fiel die rechte Seite der Löwengasse bis zum Eingang des Teufelslustgärtchens den Bomben zum Opfer, und einzelne Einschläge gab es in der Katharinengasse und der mittleren Löwengasse.
Die meisten Häuser des Viertels gehörten Besitzern, die selbst darin wohnten und die dann auch vererbt wurden. Häufig waren dies Handwerker (Schmiede, Metzger, Bäcker, Schuhmacher, Dachdecker, Installateure u.a.) sowie Kaufleute. Handwerker und Kaufleute waren es auch, die schon mal ein benachbartes, zum Verkauf stehendes Haus dazu erwarben, um ggf. Platz für eine Betriebsausweitung zu haben. Es gab aber auch Besitzer, die nicht in den Häusern wohnten oder dort ein Gewerbe hatten und die Geld genug besaßen, ihren Immobilienbesitz nach und nach auszuweiten. Das Interesse liegt hier sicher nur in den Mieteinnahmen aus den heruntergekommenen Häusern, vielleicht wurde auch auf Grundstückswertsteigerungen im Falle von Abriss und Neubebauung spekuliert.
Der größte dieser "Slumlords" jedoch war die Stadt Gießen, die nach dem Krieg begann, zum Verkauf stehende Häuser zu übernehmen. 1951 bzw. 1954 hatte die Stadt bereits fünf Häuser in ihren Besitz gebracht und darin auf engstem Raum ausgebombte Wohnungssuchende und Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten untergebracht. Als diese Menschen später wieder in normalere Verhältnisse zurückkehren konnten oder Neubauwohnungen fanden, wurden die dann leerstehenden Häuser nach und nach abgerissen und die freiwerdenden Flächen bis zum Bau von Horten und City Center als Parkplatz zweckentfremdet. Auf diese Weise konnte auch Druck auf die verbliebenen Besitzer und Bewohner ausgeübt werden, ihre Häuser herzugeben und wegzuziehen. |
Straßen- und Häuserplan (Artikelanfang) 
Katharinengasse Löwengasse Teufelslustgärtchen Kaplansgasse 
Bahnhofstraße Seltersweg Wolkengasse 
Von Arno Baumgärtel
Manfred Aulbach hat von 1950 bis 1959 einen Teil seiner Kindheit im Teufelslustgärtchen verbracht. Von ihm lernen wir, dass es – für unsereinen ungewohnt – gar nicht das Teufelslustgärtchen gegeben hat, sondern auch (halboffizielle) Benennungen wie "Am Teufelslustgärtchen" oder "Im Teufelslustgärtchen". Und ebenso gab es nicht nur die Löwengasse und die Katharinengasse, sondern "In der Löwengasse", "In der Katharinengasse" oder gar "In dem Katharinengäßchen". Tatsächlich, das städtische Urkataster, gegen Ende des 19. Jahrhunderts angelegt, zeigt genau diese Benennungen. Und um die Verwirrung zu vergrößern, folgte die Hausnummerierung offenbar auch keinem allzu gut erkennbaren Schema, was die Zuordnung im Nachhinein nicht einfacher macht.
In dieser Zeit bildete der Platz um das "alte Haus von Rocky Tocky", Teufelslustgärtchen 18, ein mehrstöckiges Wohnhaus aus
gelbem
Lehm, in dem Aulbach und seine Mutter sowie mehrere Mietparteien wohnten, das Herzstück des Quartiers. Es hatte die Zerstörungen des Zweiten Weltskriegs überlebt. Aulbach nennt es auch "das Eck". Hierbei handelt es sich um den früheren Knick im Straßenverlauf des alten Teufelslustgärtchens. Das auf Aulbachs Homepage beschriebene Haus entstand vermutlich
Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts, war somit verhältnismäßig neu. Es stand ungefähr da, wo heute der Haupteingang von C&A ist. Die Bezeichnung entstammt dem amerikanischen Countrysong "This old House" von Stuart Hamblen aus dem Jahr 1954, dessen deutsche Version "Das alte Haus von Rocky Docky" 1955 von Bruce Low, aber auch von anderen Interpreten gesungen wurde.
Ein wesentlicher Teil des Teufelslustgärtchens war Seelbachs Garten, ein Grundstück von rund 1000 Quadratmetern. Wie Aulbach schreibt, wuchs darin "außer vielleicht ein(em) vereinsamte(n) Löwenzahn" und einigen holzigen Äpfeln so gut wie nichts mehr. Um den Garten herum verlief eine dunkelrote Backsteinmauer, die man "als ein Western-Fort" (Aulbach) ansehen konnte. Nur logisch, dass gerade dieses Gebiet mit seinen umliegenden Trümmergrundstücken ein einzigartiger Spielplatz für die Nachkriegsjugend war. Die suchte dort nach Metallresten und verkaufte sie für ein paar Pfennig an einen Schrotthändler. Zwischen dem Teufelslustgärtchen und der Katharinengasse befanden sich Gebäudereste und Schutthaufen. Diese Lehmberge, auf denen im Winter Schlitten gefahren wurde, "gehören zu meinen unumstößlichen Kindheitserinnerungen", schreibt Manfred Aulbach in einer Mitteilung an die Autoren. "Danach baute auf dem später dann geglätteten Platz der Schreinermeister Ruch (Nr. 16) eine schicke Holzbaracke darauf, die ihm als Werkstatt diente."
"Shanghai an der Lahn" – der Satz, 1950 in einem Artikel in der Boulevardzeitschrift Quick (zeitweilig die größte Konkurrenz zum Magazin Stern), war prägend für die Diskussion um den Wiederaufbau der Stadt. Diese, auf neudeutsch: catch phrase vom "Shanghai an der Lahn" tat ihre Wirkung und lieferte das eine oder andere Mal die willkommene politische Begründung für den vom Gießener Magistrat betriebenen Radikalumbau der Innenstadt durch Flächenabriss. Dabei ging es in dem dürren Artikel, der nicht einmal eine ganze Zeitschriftenseite füllt, aber mit großformatigen Fotos versehen ist, nur in zwei Zeilen um Prostitution und um die große Zahl von US-Soldaten in der Stadt und überhaupt nicht um die damit einhergehende Kriminalität links und rechts der Gießener Bahnhofstraße. Thema sind Flüchtlinge aus der "Ostzone", aus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), und die "Odyssee der Heimatlosen", also Gestrandete im demokratischen Westen.

Gießen verlor im Zweiten Weltkrieg bei mehreren Bombardierungen, je nach Quelle, zwischen 70 und 80 Prozent wertvolle historische Bausubstanz. Der schwerste Angriff war der am Nikolaustag 1944, der besonders die Gießener Altstadt mit ihren Fachwerkbauten rund um den Markt-, Kirchen- und Lindenplatz traf sowie nördlich und westlich davon. Andere Bereiche der Stadt innerhalb des Anlagenrings blieben von dieser großflächigen Zerstörung verschont, wenn auch im Einzelfall der Schaden sehr groß war. Zum Beispiel traf es die auf vielen alten Ansichtkarten zu sehenden Kuppelbauten am Selterstor. Das Teufelslustgärtchen als solches hatte auch unter den Kriegszerstörungen gelitten. Nördlich, entlang der Kaplansgasse und am Kreuzplatz lag alles in Schutt. Doch beinahe alle Häuser entlang der Bahnhofstraßen-Ostseite sowie das Gelände dahinter an der Katharinengasse (späteres Kaufhaus Horten, heute C&A/Rötherpark) und zahlreiche weitere Altbauten an der (alten) Löwengasse waren vielfach intakt, wenn auch natürlich heruntergekommen. Noch Anfang der 60er Jahre war das Viertel bewohnt. Nach Manfred Aulbach gab es im eigentlichen Teufelslustgärtchen aber nicht eine einzige Kneipe: "Das Rotlichtmilieu hat sich erst allmählich in den 60er Jahren in der Mühlstraße, Bahnhofstraße, Löwengasse eingebürgert." |

| Abb. links: Die Verteilung von Wohn- (■ ) und
Gewerbehäusern (■ ) im
Teufelslustgärtchen
und
in den
angrenzenden Straßen
auf der Basis des Straßen- und Grundstücksplans von ca. 1937.
Wie viele der
gelb markierten Gebäude nur Wohnungen waren, auch
Geschäfte beherbergten oder nur bessere Hütten, ist nicht eindeutig.
Klar wird nur,
wie kleinteilig
das
Viertel baulich strukturiert war. |
Abb. rechts: Das Teufelslustgärtchen um 1750 innerhalb der Festung Gießen, gelb markiert. Der südliche Abzweig (heute nicht mehr existent) hieß "Kleine Löwengasse". Die Bebauung des Viertels war relativ verdichtet und der nördliche Abschnitt hinter Seelbachs Garten scheint schon damals eine Sackgasse in Richtung Kaplansgasse gewesen zu sein. |
Das Altstadtmodell steht während des Umbaus des "Museums für Gießen"(ehedem: "Oberhessisches Museum")
im Erdgeschoss des Alten Schlosses. Der Eintriff ist frei. |
Peter Kurzecks Erinnerungen
"In Gießen beispielsweise das Teufelslustgärtchen, bestand aus kleinen, engen Gassen, die voller Licht und Musik waren. Rotes Licht eigentlich, Nachtkneipen. Kneipen, die "Bel Ami" hießen, was schon eigentlich eher altmodisch war. Oder "Ramona Tanzbar"... Und es gab Kneipen, in denen um Geld Poker gespielt wurde, man konnte zugucken. Es war eine Welt, die man auch als 15-, 16-jähriger betreten konnte...
Von der Hauptgeschäftsstraße der Stadt musste man nur um eine Ecke biegen und war im Teufelslustgärtchen. Dort konnte man den Himmel sehen, während man in der Hauptgeschäftsstraße gar nicht aufgeblickt hat. Es waren alte Fachwerkhäuser, die ältesten Häuser in der Stadt. Und, es gab auch Häuser, die aussahen wie Paläste in Venedig. Diese Art Mietshäuser, die im 19. Jahrhundert gebaut wurden; kleine Kioske, 'Büdchen', wie man in Hessen sagt, natürlich. Es gab sehr viele Kinder, die im Teufelslustgärtchen geboren waren und dort gewohnt haben und dort aufwuchsen und die ihre Expeditionen in die Innenstadt, auf den Seltersweg, so hieß die Hauptgeschäftsstraße der Stadt, unternahmen. Und es gab kleine Handwerker, es gab Glaser und Tischler. Und es gab auch einen Schausteller, der eine Tierschau hatte. Und dann standen die Wagen mit den Affen, also den Affenkäfigen, ein Lastwagenanhänger, der stand neben dem Haus, neben einer Pfütze. Die Affen waren da. Und es war ein Schild, dass man die Tiere nicht füttern soll. Und dieses Schild war so, dass man denkt, das kann nicht ernst gemeint sein, weil kein Wort richtig geschrieben war: 'Nicht die Diern füddern.' Das ist hessisch, natürlich, mit 'D', gelle. Dann kommt man später wieder vorbei, ist ein neues Schild, weil irgendwer das Schild abgerissen hatte. 'Dud mer net mei Diern füddern...' oder so. Offenbar konnte der Mann eigentlich nicht – er konnte schreiben, er konnte Buchstaben, aber er kannte die Wörter nur vom Hören. Und, es gab furchtbare Schlägereien und Messerstechereien in diesem Teufelslustgärtchen, in den Kneipen. Eigentlich sogar zwischen Leuten, die sich ihr Leben lang kannten und so. Natürlich war so eine Schlägerei auch ein Zeitvertreib, gleichzeitig. Es gab einen Pfandleiher, ein alter Mann. Und man wusste, der hat unerhörte Schätze da angehäuft, auch wenn er nur billige Armbanduhren und so ein Zeug hatte. Jeder war überzeugt davon, aber diesem alten Mann ist nie etwas passiert. Rubin hieß er. Und es gab schon die ersten leeren Plätze im Teufelslustgärtchen, wo sie Häuser abgerissen haben wegen Baufälligkeit, wegen Einsturzgefahr. Aber eigentlich blieb es stehen bis in die 70er Jahre und hätte natürlich erhalten werden können und müssen. Und dann wurde es abgerissen, und die Leute wurden entsorgt, in alle Richtungen zum Stadtrand hin. Aber eben einzeln, nicht so, wie sie dort gelebt hatten, verteilt. Die Ureinwohner im Teufelslustgärtchen waren sogenannte 'Manische', ein Wort, das, denke ich, von 'Romanische' kommt. Das waren auch sehr dunkelhaarige Menschen, das waren Zigeuner, die aber schon vor sicherlich 300, 400 Jahren in die Stadt gekommen waren und dort blieben. Und die natürlich Deutsch sprachen, aber dazu ihren eigenen manischen Dialekt hatten...
Die Firma, der Laden, in dem ich eine Lehre gemacht habe, hatte ein Lager im Teufelslustgärtchen, in einer Gasse, die Löwengasse hieß. Diese ganzen Gassen sind auch von den Stadtplänen verschwunden. Es gab eine Wolkengasse, eine Löwengasse, eine Katharinengasse. Gassen, die nach den Großherzogstöchtern benannt waren, wie überall in Hessen. Und die sind alle weg, weil man das ganze Stadtviertel komplett abgerissen hat, natürlich auch die Straßen verschwunden sind. Und man hat die nur teilweise noch beibehalten. Man hat dann etwas gebaut, das City Center hieß (und von den Leuten unterschiedlich ausgesprochen wurde) und einen großen Horten. Karstadt und Kerber, ein örtliches, kleineres Kaufhaus mit hauptsächlich billigen Gebrauchsgegenständen. Die gab es schon vorher. Und der Karstadt wurde immer größer. Und dann, als das Teufelslustgärtchen abgerissen wurde und dazu auch die angrenzenden Straßen noch, weil es dann halt besser zu bebauen war, als die ganze untere Bahnhofstraße mit abgerissen wurde mit den letzten schönen Häusern, die es in Gießen gab. Dann wurde da dann ein riesiger Horten hingebaut, sozusagen ans andere Ende der Innenstadt. Am einen Ende war der Karstadt, im Winkel der Kerber, den es mittlerweile auch nicht mehr gibt, weil sich diese kleinen Familienkaufhäuser nicht halten können."
Auszug aus Peter Kurzecks Hörerzählung "Ein Sommer, der bleibt" (2008)
Fachwerk, die ältesten Häuser der Stadt, voller "Licht und Musik" und – ein schönes Bild: Hier habe man "den Himmel sehen" können, während die Menschen im Seltersweg nie aufgeblickt hätten. Kurzecks Erinnerungen an das Teufelslustgärtchen, den verlorenen Stadtteil, sind liebevoll und nett, aber auch löchrig. Venezianische "Paläste"? Vielleicht spricht er vom Haus Löwengasse 20, das auch aus heutiger Sicht ein modern erscheinender Neubau war. Kurzecks Bild ist verschwommen, er setzt ein ganzes Viertel mit zwei einschlägigen Rotlichtetablissements, Löwengasse 17 sowie Nr. 20, gleich, ein Bild, das, wie wir von Manfred Aulbach wissen, nicht der Realität der 50er Jahre entspricht. Es gab es in dieser Zeit im eigentlichen Teufelslustgärtchen nicht eine Kneipe; dafür weitaus mehr am Rand oder außerhalb des Viertels an der Bahnhofstraße. Der Abriss des Viertels vollzog sich auch nicht auf einen Schlag, sondern ab den frühen 60ern über Jahre hinweg bis etwa 1970. Schlicht falsch ist seine Schilderung, mit dem Abriss seien die Straßennamen verschwunden. Sie existieren alle noch, die Straßen selbst sehen aber völlig anders aus. Und nicht "Großherzogstöchter" standen Pate bei den Straßennamen, sondern altes Handwerk – wie die "Löwer", "Lohgerber", "Blauwalker" – oder Flurnamen und (religiös besetzte) Örtlichkeiten, so die Katharinen- und Kaplansgasse. Und dass die Ureinwohner "Manische" gewesen seien, ist so wenig wahr wie die Vermutung, der Begriff hätte mit den "Romani(schen)" zu tun. Die Namen der Bewohner aus den alten Adressbüchern sind durchaus "biodeutsch". Was nicht heißen soll, dass im Teufelslustgärtchen nicht auch Manisch "gepuckt" – gesprochen wurde.
All diese Mängel sind jedoch kein wirklicher Makel, sondern wahrscheinlich der langen, vergangenen Zeit geschuldet, und die ist bekanntlich eine vergessliche Lady. Man hätte das Quartier "erhalten können und müssen." So einfach, so wahr. |
Die Forschungslage zum Teufelslustgärtchen ist dünner als die Luft auf dem Mount Everest. Das Gebiet, schreibt Autor Erich Keyser in den "Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins" 1964, sei schon im 15. bis 16. Jahrhundert besiedelt gewesen und habe eine mittelalterliche Struktur gezeigt.
Die Gebäude waren nicht durch Naturkatastrophen oder Kriege zerstört worden, und die Struktur des Viertels war deshalb relativ gut erhalten. Im Teufelslustgärtchen standen überwiegend kleine, unscheinbare Fachwerkhäuser, die meisten verputzt. Was Wunder, dass es vom Teufelslustgärtchen, anders als etwa vom Ludwigsplatz oder dem Kreuzplatz, keine (bekannten) Ansichtskarten gibt. Diese und zahlreiche Anbauten und Schuppen bildeten ein Gewirr von Gässchen, Hinterhöfen und Durchlässen. Keysers Beitrag beschäftigt sich eingehend mit der Entwicklung der Gießener Innenstadt um den Markt- und Kirchenplatz und nur kurz mit der des Selterswegs bis zur Löwengasse: "Da das Siedlungsbild nordwestlich der Löwengasse und östlich der Bahnhofstraße völlig anders gestaltet ist als zwischen der Löwengasse und der Westanlage, scheint jene Fläche längere Zeit fest umgrenzt gewesen zu sein; es ist zu vermuten, daß dies durch eine, wenn auch nicht gemauerte, Befestigung geschah. Das Teufelslustgärtchen lag innerhalb dieser Begrenzung." Ein signifikanter Unterschied: Im Bereich zwischen der Wolken- und der Löwengasse (heute der Standort des Karstadt-Parkhauses) blieb die Bebauung bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts relativ offen und locker. Vor der ersten Stadterweiterung im 16. Jahrhundert reichte die Stadtmauer bis zum Kreuzplatz. Dörfer konnten sich gemauerte Befestigungen nicht leisten, wenn es ihnen überhaupt erlaubt gewesen wäre, solche anzulegen. Dörfliche Siedlungen waren aber zum Schutz vor Wölfen oder räuberischem Gesindel oftmals mit eigens gepflanztem, mehr oder weniger undurchdringbarem Gestrüpp aus Dornenhecken umgeben und vielleicht auch von aufgeschütteten Erdhaufen. Es könnte sich demnach also ursprünglich um einen Weiler oder ein Dorf vor der Stadt gehandelt haben, das dann innerhalb der erweiterten Festung lag und mithin zur Stadt gehörte.
Der Seltersweg war eine weitgehend unbebaute Landstraße nach Süden in Richtung des mit dem Festungsausbau (ca. 1520) aufgelassenen Dorfes Selters, das etwa auf der Höhe der heutigen Bahnschranken lag.
Alte Fotos zeigen an der Abzweigung vom Seltersweg eine Grünfläche, einen Garten vielleicht, in den zu ganz früher Zeit noch eigenständigen Weiler Teufelslustgärtchen. In den 1930er Jahren wurde das Gärtchen von der Firma Reinig (damals Seltersweg 30) überbaut.
Vor dem Zweiten Weltkrieg war das Teufelslustgärtchen ein Gießener Altstadtviertel, aber eins ohne bemerkenswerte Architektur oder Baudenkmäler. Die findet man eher im Seltersweg mit seinen Gründerzeithäusern und entlang der Bahnhofstraße, die – und nicht der Seltersweg – besonders in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg die Prachtstraße in Gießen war. Aber nicht nur am Seltersweg, auch an der Löwengasse hatten Fachwerkhäuser schon gründerzeitlichen, zwei- bis dreistöckigen Gebäuden Platz gemacht, so die Hausnummern 18 und 20. Das Luftbild der Gießener Innenstadt von Ende der 20er Jahre, die Johanneskirche im Vordergrund, verbirgt mehr, als man auf den ersten Blick glaubt, was an der Flughöhe und am Blickwinkel liegt. Die gründerzeitlichen Fassaden im Seltersweg ragen hoch und halten das bescheidene Quartier dahinter klein. Über die Bausubstanz erahnt man hier nichts.
Der Wiederaufbau – ein gern genutztes Argument – habe schnell vor sich gehen müssen, deshalb habe man die Altstadt nicht wiederaufbauen können. Das ist bestenfalls die halbe Wahrheit. Wahr ist, die Bausubstanz der Gießener Altstadt war schon Anfang des 20. Jahrhunderts schlecht, viele Gebäude waren vom Verfall gezeichnet, was aber kein Gießener Alleinstellungsmerkmal war. Die Einheimischen nannten solche Gebäude "Krachenburg", eins dieser Anwesen in der Neuen Bäue.
Hausabrisse hatte es schon vor 1930 gegeben, zum Beispiel die Löwengasse 27, ein größeres Fachwerkhaus; auf dem Luftbild von Osten als Baulücke oben links vor der weißen Brandmauer des Hauses Bahnhofstraße 23 zu erkennen. Das Grundstück blieb von da an unbebaut. An anderer Stelle der Innenstadt verschwand bei Sanierungen die nahe der Dammstraße gelegene Zozelsgasse komplett. Und bei der von den Nazis durchgeführten Altstadtsanierung ab Mitte der 30er Jahre wurden marode Fachwerkgebäude teilweise durch Neubauten ersetzt. Die althergebrachten und unübersichtlichen Hinterhauslagen wurden aus Gründen der "Volkshygiene" eingeebnet. Ensembleschutz war auch nicht das Anliegen der Nazis, sondern die Sicherung ihrer Macht und die Vorbereitung auf den Krieg, in Großststädten wurden Luftschutzbunker gebaut.
Die Gießener Altstadt sollte nicht wieder aufgebaut werden, auch nicht in Teilen. Das hätte der Politik und Philosophie des Nachkriegsstädtebaus und damit verbunden der Verkehrsplanung im Weg gestanden. Als es Ende der 40er Jahre an den Wiederaufbau ging, standen das Areal der vernichteten und teilzerstörten Altstadt um den Markt- und Kirchenplatz wie auch das Viertel um das Teufelslustgärtchen im Fokus von wirtschaftlichen Interessen. Die erste Kommunalwahl nach dem Krieg erbrachte eine Koalitionsmehrheit aus CDU und FDP. Oberbürgermeister wurde der FDP-Politiker Otto-Heinz Engler (1948 – 1954), der sogleich, wie Heinrich Schmidt in seinem "Beitrag zum Wiederaufbau der zerstörten Stadt" schreibt, "energisch" den Wiederaufbau voran trieb. Schmidt weiter: "Auch die Kaufmannschaft der Innenstadt wollte gegenüber den Nachbarstädten und Konkurrenten Wetzlar und Marburg das verlorengegangene Terrain rasch wieder zurückgewinnen, das diesen wegen geringerer Bombenschäden zugefallen war."
Damit war ein Pflock gesetzt, dass nichts wieder so werden würde, wie es – baulich betrachtet – gewesen war. Freilich ist das Argument des "verlorengegangenen Terrain(s)" aufgrund der Städtekonkurrenz nachgeschoben aus dem Rückblick weit über 30 Jahre später und Teil der Legendenbildung. "Oberzentrum", "Mittelzentrum" – diese modernen wirtschafts- und regionalpolitischen Begriffe gab es nicht. Zwar war Gießen als Garnisonsstadt sowie durch die Universität, die Klinik und einige Industriebetriebe und als Eisenbahnknotenpunkt bedeutsam. Aber niemand vor dem Krieg ist zum Einkaufen von Wetzlar nach Gießen oder zum Arbeiten von Marburg nach Wetzlar gefahren; schon gar nicht mit dem eigenen Auto. Die beiden Universitäten waren zu der Zeit Eliteeinrichtungen für wenige. Erst Mitte der 60er Jahre wurden sie zu Massenuniversitäten.
Dagegen hatte es schon im Dritten Reich Sanierungspläne für Bereiche um den Seltersweg gegeben, die nun teilweise wieder aufgegriffen und umgesetzt wurden. Nach dem Krieg dienten diese Pläne formaljuristisch als Legitimation für deren schlussendliche Realisierung beim Wiederaufbau. Diesmal nicht aus Gründen der "Volkshygiene", sondern um der gewerblichen Andienbarkeit der rückwärtigen Seltersweg-Grundstücke willen wurde eine breite Entlastungsstraße für den Seltersweg trassiert und bis zur Wolkengasse verlängert. Ihr Verlauf folgt ein Stück weit ungefähr dem ursprünglichen Teufelslustgärtchen, und sie trug auch zunächst den Namen Teufelslustgärtchen, danach und bis heute Katharinengasse. Die Wolkengasse ist nurmehr weniger als halb so lang wie früher. Und noch heute ist die Einschnittstelle für diese Schneise an der Ecke der Rest-Wolkengasse gegenüber dem City-Center zu sehen.

Das erwartbare Wirtschaftswunder nach der Währungsreform 1948 mit der Einführung der D-Mark, die Aussicht auf mehr Kaufkraft und die Mobilität breiter Bevölkerungschichten, die vor dem Krieg eher gering gewesen war, durch die nunmehr startende Motorisierung mit dem "Volkswagen", das waren die treibenden Kräfte für den Stadtumbau. Warum sonst hätte man historische Altstädte – im Nazijargon: "volkshygienisch" – ausweiden, also Flächen frei räumen sollen, wenn nicht, um Platz für PKWs zu schaffen? |
Straßen- und Häuserplan (Artikelanfang)
Katharinengasse Löwengasse Teufelslustgärtchen Kaplansgasse 
Bahnhofstraße Seltersweg Wolkengasse 
Weiter Seite 3 
–
Altstadtsanierung im Nationalsozialismus
– Die Rolle des Automobils
– Prägend: Wilhelm Gravert, Heinrich Schmidt
– Wiederaufbau und das 'Baulandumlegungsverfahren'
– Die Einkaufsstadt
– Detektivarbeit
–Quellen
Fortsetzung von Seite 1  |