Teufelsverlustgärtchen: der unbekannte Stadtteil

Von Arno Baumgärtel und Gunter Klug

Fortsetzung von Seite 2
zurück zu Seite 1

Von Arno Baumgärtel

Wie eine Drohung kommt einem rückblickend der Kommentar in der Silvesterausgabe 1938 des Gießener Anzeigers daher, wo "an die unhaltbaren Zustände zwischen dem Seltersweg und der Bahnhofstraße" erinnert wird. Und weiter: "Hier werden in beiden Abschnitten die weiteren Arbeiten der Altstadtsanierung ebenfalls die seit Jahren erstrebte gründliche Verbesserung bringen. Dabei werden auch längst überständige und zum Teil sogar baufällige Buden zwischen dem Seltersweg und der Bahnhofstraße mit Recht dem 'Zahn der Zeit' zum Opfer fallen."

Der Plan für die ab den 60er Jahren überbreit ausgebaute Katharinengasse ist alles andere als neu. An diesem am 26.11.1938 im Gießener Anzeiger veröffentlichten Entwurf (Abb. oben) kann man den Verlauf und die Breite der Schneise ersehen. Ziel war es, mehr motorisierten Verkehr – potenzielle Kundschaft – in die Innenstadt zu lotsen, dem Autoverkehr in der engen Altstadt bessere Zufahrts- und Parkmöglichkeiten zu bieten. Zugleich würde man damit das lästige, unschöne "Problemviertel" um das Teufelslustgärtchen beseitigen.

Aber nicht das Dritte Reich vollendete das Werk. Es war die Stadt Gießen, gut 15 Jahre nach Kriegsende.

Die nationalsozialistische Altstadtsanierung startete etwa 1936. Vordergründiges Ziel war es, die Wohnbedingungen in den jahrhunderte alten und vielfach baufälligen Gebäuden (nicht nur) der Gießener Altstadt zu verbessern. Die Nazis eigneten sich existierende ältere Pläne zur Sanierung der Gießener Altstadt an und überhöhten sie ideologisch als sozial- bzw. "volkshygienisch" notwendig. Manches schwindsüchtige Fachwerkhaus wurde gleich ganz entsorgt. Das sogenannte Küsterhaus zwischen dem Stadtkirchenturm und dem Leib'schen Haus war schon lange Zeit ein Abrissfall. Gegen die Verbesserung der Wohnverhältnisse hatte fast niemand etwas. Damit einher ging das Auslichten verwinkelter und tatsächlich oft unhygienischer Hinterhoflagen; zugleich und ganz im Sinne der Nazis bedeutete das mehr Durchblick für den Blockwart. Die "Veränderung der Sozialstruktur und die umfassende Registrierung der im Stadtkern ansässigen Einwohner – mehrheitlich Geringverdiener, Fürsorgeempfänger, politische Gegner oder Prostituierte" stellte eins der wesentlichen politischen Ziele nationalsozialistischer Altstadtsanierung dar, schreiben die Autorinnen Jutta Zwilling und Heike Drummer in einer Veröffentlichung zur Sanierung der Frankfurter Altstadt, eine der größten zusammenhängenden, mittelalterlich geprägten Altstädte in Deutschland.

Die Erneuerung eines Teils der südöstlichen Kirchenplatzbebauung und des Gebäudeensembles zwischen der Schlossgasse und der Marktlaubenstraße war das Gießener Vorzeigeprojekt. Die 1928 errichteten neuen Marktlauben blieben erhalten. Im Zuge dessen wurde eine schon jahrelang geforderte Straßenverbreiterung am Übergang vom Kirchen- zum Lindenplatz vorgenommen. Hier teilte sich die Straßenbahn den Straßenraum mit den Autos; eine Gefahrenstelle, nach offizieller Lesart "eine der gefährlichsten im ganzen Stadtgebiet" (Gießener Anzeiger vom 15. Mai 1937). Sie wurde durch Abbruch und Veränderung des Lindenplatzes beseitigt und die Durchfahrt an der Ecke des früheren Hotels Einhorn so von 5,50 Meter auf 15 Meter erweitert.

Auch in anderen Zeitungsausgaben finden sich Berichte über Straßenverbreiterungen und -begradigungen, die im Zusammenhang mit der Altstadtsanierung und im Hinblick auf die Bedeutung des Autos (für den Führer) als bedeutsam beschrieben werden. Herausragendes Beispiel ist Seltersweg 1. Bereits im Kriegsverlauf, 1941, die eigentliche Altstadtsanierung war schon eingestellt, wurde das Haus abgerissen, um das dortige Nadelöhr am südlichen Ende des Kreuzplatzes und der Einmündung in den Selterweg für den motorisierten Verkehr zu beseitigen. Fotos und Filmaufnahmen zeigen es. Das Werk blieb unvollendet, die Hauptarbeit besorgten die Bomben des Krieges. Heute steht an dieser Stelle das ehemalige Kaufhaus Kerber und darin TK Maxx. Im Pflaster eingelassene Markierungen zeichnen den baulichen Vorkriegszustand nach.

Hier stellt sich die Frage, warum die (NS-) Stadtplaner einen so großen Wert auf Maßnahmen legten, die dem motorisierten Verkehr dienten.

Nur rund 25 Prozent der deutschen Hauptverkehrsstraßen waren gepflastert. Das Autobahn-Konzept als solches war keine Erfindung der Nationalsozialisten, sondern geht bekanntlich auf die 1920er Jahre zurück. Der von den Nazis Mitte der 30er Jahre betriebene Autobahnbau war ein propagandistischer Witz gewesen, einfach weil private Kraftfahrzeuge im Dritten Reich und erst recht im ländlichen Raum eher rar waren. Im Deutschen Reich waren 1932 nicht ganz 490.000 Kraftfahrzeuge zugelassen, davon in Berlin (bei gut 4,2 Millionen Einwohnern) etwa 51.000 – gegenüber rund 1,5 Millionen im Jahr 2023. Durch Rühren der Propagandatrommel stiegen die Zahlen bis 1938 zwar auf rund 700.000, immer noch sehr wenig. Die Mehrzahl der PKWs war auch nicht auf Privatpersonen, sondern auf Firmen und Behörden zugelassen. Für durchschnittliche Einkommensverhältnisse waren Autos nicht nur in der Anschaffung, sondern auch im Unterhalt unerschwinglich teuer. Der Benzinpreis war politisch gewollt extrem hoch durch Steuern auf importieres Rohöl und die gesetzliche Vorschrift, im Inland hergestellten Alkohol beizumischen. Zudem waren deutsche Autobauer eher für hochwertige Kleinserientypen bekannt, aber nicht (wie Ford in den USA) für den automobilen Massenmarkt. Das Rückgrat der Mobilität bildeten in Deutschland die Eisenbahn, Fahrräder und die öffentlichen Verkehrsmittel.

In Hartmut Bitomskys Maßstäbe setzender, essayhafter Dokumentation "Reichsautobahn" (1983) heißt es, man musste den Deutschen den Sinn dieser Art Straße erst beibringen, denn es gab dafür keinen Bedarf. Werbeprospekte zeigten helle, über Berg und Tal geschwungene Straßenbänder und Brückenbauwerke, meistens ohne oder nur mit wenig Autoverkehr. Wochenschaubilder mit Autoverkehr waren inszeniert. Die Fahrzeuge jener Zeit waren für hohe Dauergeschwindigkeiten auch nicht ausgelegt. Die Ästhetisierung übersteigt die verkehrspolitische Bedeutung. Geländeeinschnitte wurden beim Autobahnbau vermieden. Kritische Stimmen sahen die Gefahr, dass sie sich für militärische Konvois als Fallen erweisen könnten, kein Ausweg nach links oder rechts. Und obwohl nach Kräften beworben, blieb die Reichsautobahn im Krieg ohne strategischen Wert und lag verwaist brach. Truppen- und Materialtransporte und natürlich die Deportationen in die Konzentrationslager erfolgten auf der Schiene durch die Reichsbahn. In den letzten Kriegstagen wurden ausgediente oder ausgeschlachtete ME262-Düsenflugzeuge neben der Autobahn im Gebüsch abgestellt.

Die wenigen Autos im Deutschen Reich können schlecht der Grund für die Förderung des Ausbaus der Straßeninfrastruktur gewesen sein. Eine Wurzel für die Faszination für das Auto und den Glauben an technische Entwicklungen allgemein führt zum Futurismus, eine (italienische) avantgardistische Kunstbewegung von 1909 ("Futuristisches Manifest"). Der Faden kann an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden. "Die NSDAP", schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung in einer Veröffentlichung, "fokussierte sich früh auf technikbegeisterte junge Menschen." Die Partei stieß einen "Diskurs über moderne Technikfragen" an, aus der Parteiabteilung "Amt für Technik" wurde später eine offizielle Regierungsstelle. Adolf Hitler war gerade Reichskanzler geworden und selbst begeistert von den Versprechungen des technischen Fortschritts. Er veranlasste ein umfangreiches "Autopopularisierungsprogramm". Darin enthalten war etwa die "Reichsgaragenverordnung", also die Verpflichtung, für Autostellplätze zu sorgen, sowie andere Bestimmungen, die "die Festlegung der Dominanz des Kraftwagens, deren Folgen bis heute nachwirken", postulierten.

Die Nazis setzten ein sozialpolitisches Programm auf mit dem Ziel, ein Auto für weniger als 1.000 Reichsmark zu entwickeln, dessen Erwerb dann jedermann möglich wäre. Aber die Entwicklung des KdF- ("Kraft durch Freude") Wagens als Volkswagen war politisch geprägt und wurde gegen alle wirtschaftliche Vernunft durchgedrückt. Das VW-Werk in der eigens dafür gegründeten Stadt Wolfsburg ist ein Ergebnis. Der Bau der Reichsautobahnen wurde forciert. Doch all das war vor allen Dingen propagandistisch angelegt. Keine der deutschen Automobilfirmen sah sich in der Lage, so ein Auto ohne Alimentierung durch den NS-Staat herzustellen. Der Autobahnbau war defizitär, die Arbeiter wurden zwangsverpflichtet, schlecht versorgt, und Baumaschinen wurden ihnen auch vorenthalten. Arbeitslose fanden dafür eher in Rüstungsbetrieben Beschäftigung. Interessenten für den KdF-Wagen mussten lange Ansparphasen in Kauf nehmen und wurden durch den Kriegsbeginn um ihre Ersparnisse und das ersehnte Fahrzeug gebracht. Letzten Endes hatten sie für die Nazi-Kriegskasse gespart. Statt VW Käfer wurden mitlitärische Kübelwagen gebaut.

Das deutsche Straßennetz war bei Kriegsende und in den späten 50er Jahren landesweit im Grunde dasselbe wie vor dem Krieg, ein paar kaum genutzte Autobahnkilometer und viele schmale Land- und Bundesstraßen. Wer im mittelhessischen Raum zur Autobahn (die heutige A5) wollte, musste durch Gießen und über die Licher Straße nach Fernwald-Steinbach zur Auffahrt, die sich damals "Gießen Ost" nannte.

"Zwei Kriegsjahre im Bauwesen der Stadt Gießen" ist die Überschrift eines Beitrags im Gießener Adressbuch von 1941, von der Normalbevölkerung wahrscheinlich kaum wahrgenommen. Der Autor ist Stadtbaurat Dr. Gravert (s. nachstehend). Die Altstadtsanierung ist passé, keinThema. Der Wohnungsbau war kriegsbedingt zum Erliegen gekommen. So werden die begonnenen oder abgeschlossenen Straßenbaumaßnahmen seit 1938 beschrieben. Die Licher Straße wurde ausgebaut und, mit "nichtarischen Hilfskräften", auch der "Horst-Wessel-Wall" (die Westanlage). Vorgärten und Straßenbäume verschwanden ebenso wie die Oktroi-Häuschen am Selterstor, aus dem 1940 ein Kreisverkehr wurde. Die Arbeiten, heißt es, folgten einem "einheitlichen (Plan) der Stadtverwaltung" und der Erwartung, dass der "volle Autoverkehr" nach dem Krieg so richtig einsetzen werde – paradox. Als ob die Stadt bereits unter der Last des Durchgangsverkehrs zusammengebrochen wäre. Aber, der "volle Autoverkehr" sollte sich wirklich einstellen, nur eben rund 20 Jahre später. Die Voraussetzungen waren ja gegeben.

Aus dem Artikel geht klar hervor, wie sehr die Straßenbaumaßnahmen Bestandteil der militärischen Logistik waren. Der "Mobilmachungsverkehr" verlangte "sofort fahrbereite Straßen." Die in Gießen stationierte Garnison konnte planmäßig auf der neu gebauten Licher Straße an die Front ausrücken.

Straßen- und Häuserplan (Artikelanfang)
Katharinengasse Löwengasse Teufelslustgärtchen Kaplansgasse
Bahnhofstraße Seltersweg
Wolkengasse

Wilhelm Gravert 1890 – 1965,
Stadtbaurat in Gießen

Wilhelm Gravert kam in Höxter auf die Welt. Er machte eine Maurerlehre, studierte dann Architektur an der TH Darmstadt. Ab 1928 war er in Gießen, wo er zum Stadtbaurat ernannt wurde. Er hat Gießen städtebaulich stark geprägt, und das auch und gerade während des Dritten Reiches. Darüber hinaus forschte er über die historische Entwicklung der Stadt Gießen. Wegen seiner Mitgliedschaft in der NSDAP verlor er nach 1945 zunächst seinen Posten als Stadtbaurat, wurde aber rehabilitiert und zum "städtischen Beamten auf Lebenszeit" ernannt. Über das Ausmaß seiner politischen Aktivitäten und die Umstände der Rehabilitation schweigt sich die Quelle aus. 1957 ging er in den Ruhestand.

Die (alte) Gießener Orthopädische Klinik, 1931 im sachlichen Stil erbaut, stammt von Gravert. Sein erstes Großprojekt war bis 1934 der Neubau der Pestalozzischule. Stilistisch steht dieses Gebäude noch in der Tradition des Bauhauses aus der Weimarer Republik. Die verwendeten schwarz-roten Klinker verleihen dem Bau aber eher eine düstere Ausstrahlung, die man getrost auf die politische Situation zu der Zeit beziehen kann. 1939 realisierte er das baulich unauffällige Gebäude für die Kreisleitung in der Liebigstraße 40, aus dem später die Martin-Buber-Schule wurde, heute eine Kindertagesstätte. Die Nachkriegsarchitektur auf dem Kirchenplatz mit dem Arkadengang (1953), angrenzend an den Lindenplatz, ist sein Werk anstelle des nur etwa fünf Jahre alt gewordenen Vorgängerbaus, der im Zuge der nationalsozialistischen Altstadtsanierung entstanden war. Entwürfe für eine neue Architektur am Selterstor stammen auch von ihm. Und, die ersten Hochhäuser am Gießener Lärchenwäldchen, neben der Wehrmachts- und dann Bundeswehrkaserne, wurden von Gravert erbaut.

Aufschlussreich im Hinblick auf Graverts ins architektonische Fach übertragenen politischen (neudeutsch) "Mindset" ist, was die verstorbene Zeitungsredakteurin Karen Werner schrieb: "Vor 1933 und nach 1945 ließ er seiner Neigung zum modernen Stil freien Lauf; in der Nazi-Zeit passte er sich an." (GAZ vom 19.05.2023).

Sein nicht realisierter Entwurf von 1939 für ein geplantes neues Rathaus (Abb. unten) spricht Bände in der Maßlosigkeit des Nazidenkens. Das Rathaus sollte auf den Flächen der 1938 abgefackelten Synagoge und der Bürgermeisterei nebenan entstehen und so dem bürgerlichen Gepräge mit dem Stadttheater gegenüber ideologisch Konkurrenz machen. Der Bau hätte die

damalige Gartenstraße an der Kreuzung Südanlage überspannt. Ein Turm von 16 Geschossen, entsprechend vielleicht 50 Meter oder mehr, hätte auf der heutigen Rathausplatzseite gestanden. Seine Monumentaltät, die monotonen Reihen von Fenstern – all das weckt Assoziationen an die von Albert Speer entworfene Neue Reichskanzlei für Adolf Hitler in Berlin, kein Zufall.

Wie bekannt, kam alles ganz anders.

Heinrich Schmidt 1907 – 1997,
Obervermessungsrat* in Gießen

Heinrich Schmidt stammte aus Burkhardsfelden. Nach dem Abitur 1927 studierte er Geodäsie an der TH Darmstadt und anschließend Vermessungswesen. Bevor er 1939 nach Gießen wechselte, war er zunächst auf einer Stelle im Landesvermessungsamt tätig. In Gießen muss er auf Stadtbaurat Gravert getroffen sein. Darüber gibt es keine bekannten Unterlagen, auch nicht darüber, wo und in welcher Position er im Zweiten Weltkrieg aktiv war. 1969 schied er aus dem Dienst aus.

Schmidt war in der Gießener Stadtverwaltung der eifrigste Verfechter der Kahlschlagspolitik. Seine Stunde schlug in der Nachkriegszeit, als seine Kenntnisse im Vermessungswesen beim Wiederaufbau stark gefragt waren. Vermutlich war nicht er es allein in seiner Amtsstube, der für den Gießener Magistrat das "Baulandumlegungsverfahren" nutzbringend anwandte, nach dem die zerstörte Gießener Innenstadt, autogerecht umgekrempelt, neu aufgebaut wurde. In einem Nachruf wird In seinem Sinne positiv vermerkt, dass alle städtebaulichen Maßnahmen wie die Zurückverlegung von Gebäudegrenzen für breitere Straßen und Parkplätze, Immobilienaufkäufe durch die Kommune, "ohne die Inanspruchnahme von Verwaltungsgerichten durchgeführt werden" konnten.

Schmidts größter Verdienst dürfte jedoch darin bestehen, dass er seine Planungen mit einigen Jahren Abstand akribisch und mit vielen Details, Vergleichen des Vorkriegszustandes und mit zum Teil unveröffentlichten Skizzen – wie um sie in der Rückschau zu begründen und gegen Kritik zu verteidigen – der Nachwelt zur Verfügung gestellt hat.

*) Amtsbezeichnung, kein Jux

Ein zweiter wichtiger Pflock war die mit dem Hessischen Aufbaugesetz (HAG) von 1948 beschlossene neue Gesetzeslage. Das darin enthaltene "Baulandumlegungsverfahren" bestimmte, dass Enteignungen von Immobilienbesitzern zugunsten der jeweiligen Kommune möglich waren, wenn und sobald neues Bodenrecht geschaffen werden sollte. Die planungsrechtlichen Grundlagen waren schon im Dritten Reich mit Blick auf den Wiederaufbau angelegt worden. Zentraler Gedanke dabei ist die "Entflechtung der alten Stadtstrukturen zugunsten einer funktionalen Gliederung." (Bundeszentrale für politische Bildung) Die Voraussetzungen für die Massenmotorisierung waren geschaffen.

In diesem Verfahren wurden alle in Frage kommenden Grundstücke samt der öffentlichen Wege und Straßen (nach Heinrich Schmidt) "zu einer 'Masse' vereinigt und – bildlich gesprochen – in einen Topf geworfen." Was als öffentliche Fläche (z.B. Parkplatz) vorgesehen war, wurde der Kommune übereignet. Schmidt: "Der Rest wird an die seitherigen Eigentümer im gleichen Verhältnis verteilt, wie deren Grundstücke bei der Einleitung des Verfahrens nach Größe, Wert und Lage zueinander standen." Viele Innenstadtgrundstücke waren aus planerischer und betriebswirtschaftlicher Sicht unrentabel, ihre Zuschnitte waren sehr klein. Haus- und Grundstückseigentümer waren überdies im Krieg umgekommen, verschollen oder standen vor dem wirtschaftlichen Ruin und mussten nun verkaufen. Zudem bestimmte das Gesetz, dass neu gebildete Flächen auch "bebauungsfähig" zu sein hatten. Somit war klar: Wer viel hatte, bekam auch viel, wer nicht viel oder verstreuten Grundbesitz hatte, ging weitgehend leer aus. Im Zuge von Flächensanierungen wurden darum überall in der Innenstadt Grundstücke zusammengelegt und ganze Straßenverläufe verändert, einerseits natürlich, um die Geschäftswelt wieder auf Vordermann zu bringen und andererseits, um die Stadt autogerecht zu machen.

Die alte Katharinengasse, die früher nur zwischen der Kaplansgasse und der Löwengasse parallel zur Bahnhofstraße verlaufen war, verschwand dagegen komplett unter dem ab 1974 errichteten Kaufhaus Horten (C&A/Rötherpark). Die ursprüngliche Planung sah auf dieser Fläche ein von privaten Investoren gebautes Parkhaus vor. Der Plan zerschlug sich letztlich aus politischen Gründen. Der Horten-Kaufhauskonzern als Investor war wohl attraktiver. Ein Parkhaus gebaut wurde trotzdem: das heutige Karstadt-Parkhaus. Dafür wiederum wurde das vom Krieg verschont gebliebene Jugendstil-Volksbad abgerissen. Die – eigentliche – Straße Teufelslustgärtchen mutierte in der Folge zum Sanierungsgebiet und ständig größer werdenden Großparkplatz, je mehr Häuser im Lauf der 60er Jahre der Baggerschaufel zum Opfer fielen. Nach den letzten Häuserabrissen wurde die Löwengasse begradigt und ihr Verlauf mit dem Bau des Kaufhauses leicht verschwenkt.

"Ohne hoheitlichen Eingriff der Baulandumlegung", auf freiwilliger Basis, anerkennt Schmidt, hätte die Neuordnung der Liegenschaftsverhältnisse in der Innenstadt nicht funktioniert. Das Gebiet des Teufelslustgärtchens verschwand innerhalb relativ kurzer Zeit. Aber nicht alle Bereiche der Gießener Innenstadt zwischen der Goethestraße und dem Kreuzplatz wurden dabei auf einen Schlag niedergelegt und neu bebaut. Es war ein Vorgang, der Jahre dauerte und der wegen der salamitaktischen Vorgehensweise aus Sicht der Bevölkerung wie ein natürlicher Prozess erscheinen musste. Die Stadt selbst hatte bereits in der Zeit des Dritten Reichs Immobilien aufgekauft, im Stadtentwicklungsplan von 1971 sind sie für die Nachkriegszeit dokumentiert. In seinen Veröffentlichungen spricht Schmidt beschönigend luftig von "Wandlungen" und, wie rücksichtsvoll, "nicht besonders forciert(em)" Immobilienankauf durch die Stadt anstatt geradeheraus von Enteignung und Abriss. Man wusste, was man tat.

Die Kleinteiligkeit der früheren Altstadt, die "differenzierte Welt", ging verloren, eine "weitere Verödung der Welt", schreibt Manfred Aulbach in seinen Erinnerungen.

Abriss von Teufelslustgärtchen 28 (im Hintergrund die Kaplansgasse), das Haus rechts daneben Nr. 26

Die Einkaufsstadt und wie sie in die Welt kam. Nach der Vorstellung des Gießener Magistrats sollte es zukünftig innerhalb des Anlagenrings nur noch Park- und Kaufhäuser, aber keine Wohnbevölkerung mehr geben. In einem hr-Bericht ist der Abriss von Teufelslustgärtchen 28 und 26 im Jahr 1964 dokumentiert. Oberbürgermeister Bernd Schneider, SPD (1963 - 1977), erklärt darin, dass man eine Entlastungsstraße – die neue Katharinengasse – für den Seltersweg bauen wolle, der Seltersweg solle später zur Fußgängerzone werden. Das berüchtigte Gießener "Wahrzeichen" Elefantenklo ist ein Bestandteil der aufs Auto fixierten Straßenbaupolitik.

Off-Kommentar der Reportage des Hessischen Rundfunks vom 08.01.1965: "Bei der Stadtsanierung strebt man andere Lösungen an. Hier geht es vor allem um die Schaffung von Parkplätzen und Straßen. Acht Gebäude in Gießens Innenstadt werden zurzeit abgerissen. Die Stadt erhält für ihre Sanierungsmaßnahmen keine Zuschüsse. An diesem Platz (= Teufelslustgärtchen) wird in Zukunft ein Parkhochhaus stehen. Fünf Parkhäuser sind insgesamt geplant. Auch die neue Durchgangsstraße wird hier vorbeiführen. Gießens Stadtplaner wollen im Zentrum keine Wohnhäuser mehr zulassen. Die heutige Altstadt soll ein Einkaufszentrum werden, das nur den Fußgängern gehört. Die Verwandlung der Innenstadt wird Jahre dauern. Hotelneubauten, Hochhäuser und Kaufhäuser bestimmen dann die Gegend des Teufels[lust]gärtchens. Mit den Abbrucharbeiten wurde schon begonnen. Gießens Bürger stehen der Altstadtsanierung aufgeschlossen gegenüber, bisher gab es keine Streitigkeiten." Bemerkenswert hier die Schwerpunktsetzung: Parkplätze, Straßen, Kaufhäuser, und das anscheinend ohne "Direktiven‟ von außen, ohne zusätzliche Fördergelder. Heutzutage kann die Stadt Gießen nicht einmal aus eigenen Stücken über die An- oder Abschaffung von Buswartehäuschen am Marktplatz entscheiden

So eine Shopping Mall unter freiem Himmel, ein Aufmarschgebiet der Kauflustigen ohne Einwohnerschaft, hätte Hitlers Stararchitekt Albert Speer zu Ehren gereicht. Proteste gegen diese Stadtplanung mit der Spitzhacke gab es zu der Zeit noch nicht oder nicht in nennenswertem Ausmaß.

Die Langzeitfolgen der Innenstadt-Monofunktionalisierung aufs Einkaufen sind bekannt: Verödung außerhalb der Geschäftszeiten, Schließung von Kaufhäusern und Fachgeschäften durch Strukturwandel und Insolvenz im Einzelhandel. Darunter leidet seit Jahren der Seltersweg, und nicht nur er; ein bundesweites Problem. Abhilfe nicht so schnell in Sicht. Im Gegenteil, die Erosion geht weiter (Zukunft des Elefantenklos, Zukunft der Galeria Karstadt, Zukunft des City Centers).

Detektivarbeit: Am Anfang war ein Foto aus den 20er Jahren, das sich als Teufelslustgärtchen 28 herausstellte, das Eckhaus an der Löwengasse. Irgendwann kam das Foto einer Hinterhof-Szene (hier rechts) hinzu, von der wir lange Zeit nicht wussten, wo sich die abgespielt haben könnte. Als uns das Foto links in die Hände fiel, offensichtlich von einem erhöhten Standort aus gemacht, war nach eingehender Betrachtung klar, das es sich um ein und dasselbe Objekt handelte. Und nicht nur das. Auch der Zeitpunkt der Aufnahmen muss beinahe derselbe gewesen sein! Warum?

Links zu sehen Teufelslustgärtchen 28, der Giebel zur Löwengasse, und sein direkter Nachbar Nr. 26 mit dem Giebel zum Teufelslustgärtchen. Die Merkmale 1 bis 4 sind eindeutig: 1. Ein Lappen oder Handtuch hängt aus dem Fenster. 2. Die identisch über dem Treppenaufgang hängende Wäsche. 3. Zwei Stangen (vielleicht Bohnenstangen) stehen angelehnt an der Wand. 4. Rechts neben der Treppe ein Kellerraum und ein Fensterchen links davon. Außerdem: das offen stehende Fenster sowie der diagonal verlaufende Absatz (hier grün), Teil des Treppenhauses oder des Flurs.

Aus dem Foto links lässt sich ersehen, dass die Aufnahmen in der Nachkriegszeit entstanden sind, aber noch vor Mitte 1964. Denn da wurden Nr. 26 und 28 – wie weiter oben zu lesen war – abgerissen. Die Hausnummer 22 fehlt, sie stand mit allenfalls einem Meter Abstand rechts vom Hoftor. Nicht geklärt ist, ob sie im Krieg zerstört wurde oder "nur" baufällig war. Zuguterletzt, der Kamerastandpunkt befand sich sehr wahrscheinlich im oberen Stockwerk des damaligen Karzentra- oder bereits Karstadt-Hauses, Seltersweg 28 (heute 24) . Ein lang gestrecktes Grundstück vom Seltersweg ins Teufelslustgärtchen hinein. Das Haus im Vordergrund ist Nr. 5, das "Maseberg-Haus".

Straßen- und Häuserplan (Artikelanfang)
Katharinengasse Löwengasse Teufelslustgärtchen Kaplansgasse
Bahnhofstraße Seltersweg
Wolkengasse

Recherche: Gunter Klug, Arno Baumgärtel
Grafische Bearbeitung: Arno Baumgärtel

Quellen: Erich Keyser, "Die städtebauliche Gestaltung Gießens im Mittelalter"; in: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins (MOHG) 48, 1964
Heinrich Schmidt, "Gießens Entwicklung von der mittelalterlichen Innenstadt zum modernen Geschäftszentrum "; in: MOHG 46, 1962
Heinrich Schmidt, "Wandlungen der Innenstadt Giessens"; in: MOHG 66, 1981
Heinrich Schmidt, "Beitrag zum Wiederaufbau der zerstörten Innenstadt Giessens nach 1945"; in: MOHG 76, 1991
Über Heinrich Schmidt, in: MOHG 79/1994
Eberlein, Kielwein, Thorn, "Der Wiederaufbau in Gießen nach 1945"; in MOHG 76. 1991
Josef Nipper, "Gießen im Wiederaufbau. 15 Jahre zwischen Planung und Realität"; in MOHG 81/1996
Stadtentwicklungspläne von Gießen, 1948, 1971, 1980; veröffentlicht in: MOHG 66/1981.
Wilhelm Gravert, Stadtbaurat, in:
MOHG 102/2017
"Altstadtsanierung im Seltersweg", Artikel des Gießener Anzeigers vom 23.08.1939
Urkataster der Stadt Gießen im Landesgeschichtlichen Informationssystem Hessen unter https://www.lagis-hessen.de/
Das digitale Abbild der Stadt Gießen im Mesh-Format, 2020 sowie 2024, Vermessungsamt Gießen; URL: https://giessen.maps.arcgis.com/apps/webappviewer3d/index.html?id=5d6b5dc792d94710beff622d04353672
Manfred Aulbach (online) https://www.aulbach-giessen.de/html/um_1956.html sowie https://www.aulbach-giessen.de/html/teufelslustgartchen_-plan-.html
Richard Humphrey, Rolf Haaser u.a., "Der Untergang des alten Gießen"; Gießener Allgemeine Buchverlag, 1994
Peter Sattler, Hermann Klehn, "Gießen – Bewegte Zeiten"; Sutton Verlag, Erfurt, 1998
Peter Sattler, "Gießen: Stadt im Wandel 1933 – 2007 "; Sutton Verlag, Erfurt, 2008
Astrid Debold-Kritter: Ursula v. Petz, "Stadtsanierung im Dritten Reich. Eine Auswertung von Fallbeispielen", 1984/87; in: Kritische Berichte 3/1988
Frankfurt am Main 1933 - 1945, "Altstadtgesundung"; https://www.frankfurt1933-1945.de/beitraege/oeffentlicher-raum/beitrag/altstadtgesundung
"Als Hitler 340.00 Käfer stahl" – Über Adam Tooze Veröffentlichung "Ökonomie der Zerstörung", in: Süddeutsche Zeitung am 17.05.2010
Andreas Knie, "Deutschlands Weg in die Automobilgesellschaft – Verkehrspolitik im Schatten des NS"; in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Hrsg. Bundeszentrale für politische Bildung (bpb, online 2023)

Fotos aus dem Teufelslustgärtchens und vor allem aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg sind rar. Diese Präsentation verdankt die meisten Aufnahmen dem Stadtarchiv Gießen und dort der Fotosammlung von Rudolf Metzger. Wir danken dem Stadtarchiv Gießen und seinem freundlichen Personal für die Zurverfügungstellung von Fotos aus der Sammlung Metzger.
Sollte jemand entsprechendes Fotomaterial haben und wäre bereit, es zur Verfügung zu stellen, könnte es an dieser Stelle (mit Namensnennung oder ohne) zugänglich gemacht werden. Weitere Fotos stammen aus unterschiedlichen, im Internet vielleicht noch zugänglichen Quellen. Wer Fotos ohne Hinweis auf die eigene Urheberschaft erkennt, sollte nicht zögern, uns das mitzuteilen!

Literatur:
Norbert Schmidt (Hg.), Marina Gust, Hans-Peter Gumtz, "Vom Spielwaren Fuhr bis zum Scarabée. Neue Geschichten und Anekdoten aus dem Gießen früherer Jahre", Wartberg Verlag 2008
Peter Kurzeck: Auszug aus "Ein Sommer, der bleibt" (Transkripton), 2008
Peter Kurzeck, "Und wo mein Haus? Kde domov muj", Band 8 von "Das alte Jahrhundert", Hrsg. Rudi Deuble, 2022, Schöffling & Co. 978-3895616938, ISBN 978-3895616938
Peter Kurzeck, "Keiner stirbt", Suhrkamp-Taschenbuch 3229, Frankfurt 2000, ISBN 978-3895616976

Beide zuletzt genannten sind literarische Verarbeitungen von Kurzecks Erinnerungen. Das "Shanghai-Viertel" ist nicht Hauptthema, bietet aber wunderbare atmosphärische Einblicke in das Leben im Quartier.

Broschüre, 48 Seiten erhältlich in der Gießener TOURIST INFORMATION,
Schulstr. 4, und online bestellbar bei "Gießen entdecken"

Arno Baumgärtel
www.GI35390.match-cut.de · Kontakt: mail@match-cut.de

Fortsetzung von Seite 2
zurück zu Seite 1

Leider ist es nicht möglich, diese Seiten für alle erdenklichen Endgeräte zu optimieren, also PC und Mobilteile. Es gibt Grenzen der Machbarkeit. Empfohlen wird die PC-Monitoransicht. Auf Tablets passt das Querformat besser. Auf Smartphone-Mäusekinos kann es aber zu verrutschten Grafiken und Textblöcken und somit zu Genussverzicht kommen.

Übersicht