THE GENERAL
DER GENERAL

 

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Produktionsbedingte verzögerungen führen zu unterschieden in der US- und
GB-reihenfolge. Die deutsche weicht wiederrum und ohne ersichtlichen grund davon ab.
Die listung der episoden
entspricht der sog. englischen standard-reihenfolge.
Handlungslogisch betrachtet erfordern die episoden von NUMMER 6 keine zwingende abfolge. In praktisch allen ländern, in denen NUMMER 6 lief, gab es eigene reihenfolgen.

Mehr zur episodenreihenfolge...

 

 

"I AM NOT
A NUMBER.
I AM
A PERSON."

"SIX OF ONE,
HALF A
DOZEN OF
THE OTHER."

 

 

DREHBUCH: Joshua Adam
REGIE: Peter Graham Scott
DEUTSCHE EPISODE nr. 4
DEUTSCHE FASSUNG: Joachim Brinkmann
DEUTSCHE ERSTSENDUNG: ZDF 15.11.1969

MEHR: DIE TITEL
SYNCHRONREGIE: JOACHIM BRINKMANN

EPISODENWÜRDIGUNG

DARSTELLER UND
DEUTSCHE STIMMEN
KOMPLETTE BESETZUNG

Patrick McGoohan
Nummer Sechs
Bernd Rumpf
Angelo Muscat
Butler
ohne Sprechrolle
Colin Gordon
Nummer Zwei
Ernst Fritz Fürbringer
Peter Swanwick
Supervisor
Leo Bardischweski
Peter Bourne
Projektorbediener
Michael Gahr
Al Mancini
Reporter/Fernsehansager
Christian Marschall

Die anonymen herrscher des Ortes propagieren über das fernsehen die vorzüge eines schnelllernverfahrens - der stoff eines jahres in wenigen minuten gelernt. Nummer Sechs findet heraus, dass damit weitreichende manipulationen möglich sind. Ist "der Professor" mit seinem supercomputer auch nur ein werkzeug von Nummer Eins? Nummer Sechs stellt die ultimative frage...

PLATZ 16 Gibt nach vielen jahren die rote laterne an "A. B. und C." ab wegen der über weite strecken ironischeren note. Dennoch, plakative fortschrittskritik und sieg der idee über die handlung. Aller Orwell-referenzen zum trotz, die episode macht einen zusammengeflickten eindruck. Auch für die 60er jahre lachhaft die futuristische vorstellung von "künstlicher intelligenz". Das ende des Generals ist SF-trash.

Lesen Sie nur dann weiter, wenn Sie NUMMER 6 bereits kennen und sich näher mit hintergründen, der produktionsgeschichte, therorie und diskussion beschäftigen wollen. - Wir sehen uns!

Künstliche intelligenz ist kein wort in den frühen und mittleren 60er jahren des 20. jahrhunderts. PCs waren noch nicht erfunden. Das computerzeitalter, wie es sich in filmen und fernsehserien darbietet, scheint dem physiksaal einer fachoberschule zu entstammen: "main-frames", großrechner in gestalt wohnzimmergroßer schaltschränke mit riesigen sich drehenden magnetbänderspulen, lochkarten, blinkenden lämpchen und hektisch ausschlagenden anzeigenadeln oder oszilloskopkurven bestimmen das alltägliche bild vom computer. Computermäuse hätte man sicherlich als eine bedrohung für kabelstränge angesehen. Eher gelegentlich kommen wirklich moderne visuelle ausgabegeräte, monitore, hinzu; und wenn, wird das angezeigte meist von

knarrenden "computerstimmen" synchronisierend vorgetragen oder akustisch von tastaturanschlägen begleitet; das ebenso wie das ende des "General" genannten supercomputers, der ob der unlösbarkeit der ultimativen frage im rauch aufgeht - allesamt sind es analoge vergewisserungen, zeichen für das vorhandensein eines noch unbegriffenen digitalen umbruchs. 1968 würde Stanley Kubricks "HAL9000" das verständnis von "KI" jedoch komplett verändern.

Die in NUMMER 6 dargestellte technologie ist freilich beschränkt durch das finanzielle korsett einer wenn auch teuren TV-produktion. Doch nie begibt sich die in der zeitgenössischen presse als "utopische" oder "science-fiction" gehandelte serie NUMMER 6 auf das technizistische niveau, im gegenteil. Das dispositiv von NUMMER 6 ist analog. Sein futurismus liegt, wenn schon, im decor oder besser: im spannungsfeld zwischen den vorgefundenen architektonischen stilen des schauplatzes Portmeirion und denen der eigens geschaffenen studiosets, die sich prägnant als wahlweise "klassizistisch" bzw. "modern" kennzeichnen lassen. Aber fortschritt - was ist das?

"The trouble with science is that it can be perverted." Worte des von McGoohan dargestellten und in der folge "Der Doppelgänger" "wissenschaftlich" verdoppelten - geklonten - charakters. Nie waren sie so wertvoll wie heute.

Die episode "Der General", ähnlich wie die ikonischen "Schachmatt" und "Freie Wahl", wird gelegentlich herangezogen, wenn es darum geht, NUMMER 6 einem eher nichtinformierten publikum nahezubringen. Oft als szenenbild mit Nummer Sechs, drapiert mit sonnenbrille und kopfhörern vor einer nach weltraumsatellit aussehenden apparatur; sehr futuristisch das erscheinungsbild (s. abb. oben). Die vorherrschenden inhaltlichen motive, die jeden von uns angehen (sollten), wecken das interesse. Als da wären: erziehung, schule, wissensvermittlung und indoktrination sowie die science-fiction-computertechnologie vom standpunkt der 60er jahre des 20. jahrhunderts. Ergänzen wir aus der sicht des jahres 2018 ruhig: als schreckgespenst. Warum? Im Ort arbeitet "der Professor" an einem Speedlearn genannten verfahren, mit dem lerninhalte per fernsehübertragung direkt in die köpfe der bevölkerung transportiert werden. "Ein dreijahreskurs in drei minuten." - so das motto. In der folge überbieten sich die kursteilnehmer gegenseitig mit ihrem faktenwissen im herunterbeten geschichtlicher daten.

Kein zweifel, Nummer Sechs vernimmt diese botschaft natürlich mit misstrauen. Schließlich sind außer der schnelleren lehrstoffvermittlung noch weitergehende manipulationen des menschlichen verstandes denkbar. Er verschafft sich zugang zum sendezentrum und sabotiert die anstehende ausstrahlung des programmes. Er findet auch den "Professor", der aber eher eine marionette des Ortes zu sein scheint und heimlich an der zerstörung des "Generals", des supercomputers im hintergrund, arbeitet. Bei der finalen konfrontation stellt Nummer Sechs die ultimative frage - woraufhin dem computer buchstäblich die sicherungen durchbrennen. Es qualmt und stinkt. Ach ja, die frage lautete: "Warum?"

"Warum?" - weder für mensch noch computer ist so eine frage, out of context, zu beantworten. Was bleibt, ist ein öder plot, in der McGoohan sich, leider, auf solides nichtwissen stützend auf die seite der maschinenstürmerei schlägt.

Bevor Sie nun die nase rümpfen, bedenken Sie: Zu der zeit, 1966, hätte sich niemand träumen lassen, dass menschen aus der zukunft, 50 jahre später, die serie NUMMER 6 begutachten und sie auf erzählerische plausibilität und ggf. auf wissenschaftliche faktizität abklopfen würden.

Berechtigterweise muss man feststellen, dass "Der General" die am stärksten gealterte NUMMER 6-episode ist. Zwar leidet sie unter dem mangel, ausschließlich im studio entstanden zu sein. Außenaufnahmen beschränken sich auf stock footage sowie auf solche, die bei anderen episoden aussortiert worden waren. Aber das ist nicht der grund für die alterung.

Eher ist es die banale, einem FLASH GORDON-serial der 30er, 40er jahre zu ehren gereichende handlung mit einem extrem klischeehaften klimax, bei dem der computer ob der ultimativen frage kapitulieren muss und in rauch aufgeht. Aber vor allem, die von Nummer Sechs gestellte frage "warum", sie geht nicht wirklich aus dem plot hervor. Patrick McGoohans auktoriale präsenz hält uns hier den zeigefinger entgegen. Er will uns bedeuten, dass eine maschine niemals menschliche kategorien ausfüllen kann. Seine warnung vor zu viel maschinen-, sprich technologiegläubigkeit, vor der überforderung angesichts komplexer sozialer und/oder psychologischer, politischer, vielleicht auch theologischer probleme ist in der sache durchaus gerechtfertigt, und manche mögen sein vorgehen gutheißen. Nicht immer, nicht unbedingt jedoch ist es für McGoohans kunstwerk von vorteil, dass hier so gut wie keine der allegorischen und symbolischen mittel zur anwendung kommen.

Und dann ist da die essenzielle wahrheit, wie ein jeder von Ihnen, die Sie sich über Ihr smartphone beugen, weiß, auch ohne wissenschaftler zu sein, wie sehr die zeit mit siebenmeilenstiefeln über diese naive, billige und, schlimmer noch, ideologisch voreingenommene konzeption von computertechnologie hinweggefegt ist; steckt doch in ihrem gadget ein hundertfaches an rechenpower dieses turnhallengroßen computers aus der serie. Und wahrscheinlich wird man in 50 jahren über Sie und Ihr komisches ding lachen, wenn alle welt ins gehirn implantierte "embedded computer" mit sich herumschleppt.

Zu beginn wird, wie sich herausstellt, der "Professor" vom mob über den strand gejagt und eingefangen. Man weiß nicht recht warum. Immerhin gibt dies gelegenheit, Portmeirion-szenen aus einer anderen episode zu recyclen. In einem nebenplot ist der gesellschaftliche stellenwert von kunst das thema, denn die frau des "Professors" erteilt kunstunterricht. Es werden skulpturen von bewohnern, unter anderem auch Nummer Sechs hergestellt. Am bett des schlafenden "Professors" greift sich Nummer Sechs plötzlich und zu aller überraschung einen stock und zertrümmert dem schlafenden den schädel - es war nur ein wachsmodell. Wer hat es angefertigt, "Frau Professor"? Warum erschrickt sie dann? Konnte sie zwischen künstlichem und echtem nicht mehr unterscheiden? Nummer Sechs konnte es schon. Wie auch immer, die einzige szene mit nachdruck in dieser episode, surreal.
Lewis Greifer, der autor der episode, hatte die idee zu der story, weil seine beiden söhne von ihrem schulunterricht gelangweilt waren. Schauspieler Colin Gordon ist hier zum zweiten mal als Nummer Zwei im einsatz, nicht so servil wie in "A. B. und C.", und doch ist die figur nicht notwendigerweise dieselbe. Ein besetzungsproblem, die für das casting zuständige Rose Tobias Shaw hat das in einem interview mit Steven Ricks bestätigt.

Regisseur Peter Graham Scott spricht achtungsvoll von McGoohans "tatkräftiger überzeugung" mit der er dieser episode seinen stempel aufdrückte, während er selbst keine rechte ahnung hatte von dem, was er da tat. Er wurde von Patrick McGoohan kurzfristig an bord geholt und führte die episode "Der General" innerhalb von zehn tagen zu ende. Scott: "Die eine episode unter meiner regie war quatsch."* Auch Ian L. Rakoff, autor des "Harmony"-drehbuchs, äußerte sich wenig schmeichelhaft über seine arbeit "an den beiden erbärmlichsten episoden - 'Der General' und 'Das Amtssiegel' (...) das war wahrlich keine inspiration" [im interview mit Dave Barrie]. So schlicht kann es sein. Das stückwerkhafte, man merkt es der episode an.

Was diese episode rettet, ist der heutzutage verschobene schwerpunkt. Man muss die betrachtungsebene wechseln und sie auf die übertragbarkeit auf die heutige zeit überprüfen. Die allegorische botschaft, wenn man so will, steckt in der warnung vor scheinbar exakten fakten, universalem wissen, unfehlbaren autoritäten, faszinierenden gerätschaften, diensten usw. Und in der gefahr, sie hinzunehmen ohne zu fragen, sie zu benutzen, ohne die langfristigen folgen zu bedenken. Nummer Sechs tut genau das: Er kümmert sich, er widersteht dem trend. In der episode "Pas de deux" wird Nummer Zwei ihm genau die frage stellen: "Why do you care?"Antwort Nummer Sechs: "You'll never know." [anm: auf deutsch allerdings: "Was geht in Ihnen vor?"]

Es ist zur normalität geworden, dass supercomputer für uns rechnen oder uns informationen geben, seien es straßenkarten, datenbankanwendungen oder "Wikipedia". Dadurch wird es aber auch normalität zu erleben, was dies wiederrum aus unserem wissen und unseren lernprozessen macht. Nicht der dämon supercomputer bedroht uns, sondern der uns meist unbekannte verwendungszwecke der von uns freiwillig an firmen gelieferten, manchmal "sinnlosen" daten. Der schritt von Speedlearn zu Apples "Siri", Microsofts "Cortana" oder Amazon's "Alexa" ist nur ein gradueller, kein prinzipieller mehr. Insofern ist die "Warum"-frage und die damit verbundene zerstörung der geschaffenen, scheinbar unfehlbaren autorität, die alles bis ins letzte detail bestimmen will, eine allegorische lösung ganz im sinn der PRISONER-serie.

Umgekehrt, im unterschied zu all den supercomputern, drahtlosen telefonen und überwachungstechniken in der serie, die tendenziell schnell veralten, ist und bleibt ein gebilde wie ein wetterballon - Rover in der serie - als requisit ein starkes und vor allem zeitloses nichttechnisches symbol, das auf die gesamte serie und über die serie hinaus ausstrahlt, vielleicht einfach deshalb, weil diese amorphe gestalt sowie seine weiße membranoberfläche wie eine kinoleinwand die vorstellungkraft stimuliert.

Und letztlich ist es auch eine gute portion spezieller ironie, die gerade der folge "A. B. und C." abgeht, im englischen sprachraum als tongue-in-cheek bezeichnet. Geradezu subversiv, ausgerechnet das fernsehen, durch das die zuschauer die serie überhaupt ansehen können, wird hinterrücks zur mentalen benebelungsmaschine. Die ehrwürdigen mitglieder des Speedlearn-aufsichtsrates, schwarz gewandet, mit zylinder und sonnenbrillen, "Men in Black" avant la lettre, sind stark überzeichnet in der unangemessenheit ihrer bekleidung und derart dem bestatter aus der titelsequenz nicht unähnlich. Und das als "coffin bank"** bekannt gewordene kinderspielzeug, das als zugangssperre zum sendestudio fungiert, wird hier zum objet trouvé.

In den berühmten einleitenden worten von Edward D. Woods chef d'oeuvre PLAN 9 FROM OUTER SPACE (1959) heißt es: "There comes a time in each man's life when he can't even believe his own eyes!" Hoffentlich hat man im Ort für ein datenback-up gesorgt, sollte der "General" einmal versagen...

TEXT: Arno Baumgärtel, dank an Jana Müller und Michael Brüne

* in Roger Langleys McGoohan-biografie, "Danger Man Or Prisoner"
** Dabei handelt es sich um eine spardose in form eines sarges. Wird eine münze in den aufnahmeschlitz gesteckt, öffnet sich eine klappe, ein händchen erscheint und holt sich blitzschnell das geldstück.


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