THE GIRL WHO WAS DEATH
--3-2-1-0

 

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Produktionsbedingte verzögerungen führen zu unterschieden in der US- und
GB-reihenfolge. Die deutsche weicht wiederrum und ohne ersichtlichen grund davon ab.
Die listung der episoden
entspricht der sog. englischen standard-reihenfolge.
Handlungslogisch betrachtet erfordern die episoden von NUMMER 6 keine zwingende abfolge. In praktisch allen ländern, in denen NUMMER 6 lief, gab es eigene reihenfolgen.

Mehr zur episodenreihenfolge...

 

 

"I AM NOT
A NUMBER.
I AM
A PERSON."

"SIX OF ONE,
HALF A
DOZEN OF
THE OTHER."

 

 

DREHBUCH: Terence Feely
REGIE: David Tomblin
DEUTSCHE EPISODE nr. 9
DEUTSCHE FASSUNG: Joachim Brinkmann
DEUTSCHE ERSTSENDUNG: ZDF 14.02.1970

MEHR: DIE TITEL
SYNCHRONREGIE: JOACHIM BRINKMANN
THIS PAGE IN ENGLISH

EPISODENWÜRDIGUNG

Nummer Sechs, merkwürdigerweise auf freiem fuß und wie Sherlock Holmes gekleidet, sieht sich von einer seltsamen frau in weiß verfolgt, die sich selbst "Tod" nennt, und in einen mörderischen kampf gezogen. Was er auch unternimmt, sie zu fassen, sie entzieht sich ihm. In dem geisterort Witchwood kommt es zur konfrontation. Er trifft auf Napoleon und seine rakete. Doch alles ist ganz anders, als es aussieht.

PLATZ 12 Für eine prise comic-surrealismus und Nummer Sechs' tour-de-force-besäufnis als vergiftungsprävention. - Ursprünglich für McGoohans JOHN-DRAKE-serie geschriebene episode.

 

Lesen Sie nur dann weiter,
wenn Sie NUMMER 6 bereits kennen
und sich näher mit hintergründen,
der produktionsgeschichte, therorie und diskussion
beschäftigen wollen.
-
Wir sehen uns!

Von Arno Baumgärtel

Gewiss, da wird ein countdown gestartet. Aber ist das grund genug für diese einfallslose titeleindeutschung?

"Das Mädchen, das der Tod war" - das wäre ein titel gewesen.

Die geschichte dieser episode mit dem viel angemesseneren englischen titel "The Girl Who Was Death" ist schnell erzählt:
Professor Schnipps (Kenneth Griffith), ein verrückter wissenschaftler mit einem Napoleon-komplex, ist darauf aus, London mit einer rakete zu zerstören. Colonel Hawke-Englishe, ein verdeckt operierender agent, war ihm auf den fersen, wird jedoch von Schnipps' hübscher, aber extravaganter tochter Sonia (Justine Lord) beim cricketspielen ermordet. Als sein nachfolger übernimmt Nummer Sechs, hier zunächst wie John Drake, dann wie Sherlock Holmes gekleidet, den fall. Er wird seinerseits zur zielscheibe von Sonia, die sich selbst "Tod" nennt. Nummer Sechs sabotiert Schnipps' plan und zerstört die rakete.

Viel braucht es nicht, um zu erkennen, dass die story nicht nur an den haaren herbeigezogen, sondern pure fantasy ist. Am ende wird deutlich wie und warum: Nummer Sechs hat kindern eine gute-nacht-geschichte erzählt. Freudig grüßt er in die überwachungskamera und wünscht allen eine "gute nacht", derweil sich im kontrollraum Nummer Zwei über den fehlgeschlagenen versuch ärgert, Nummer Sechs in einer harmlosen situation kalt zu erwischen und INFORMATIONEN zu entlocken. Nummer Zwei gleicht Schnipps bis aufs haar, Sonia ist seine assistentin...

"--3-2-1-0" ist leichte kost, als vorletzte in produktion gegangen, gemäß der britischen standardreihenfolge die drittletzte und eine von vier episoden, die nach der wiederaufnahme der produktion 1967 entstanden. Eine ungenutzte story für eine DANGER MAN-episode bildet die ausgangsbasis. Das drehbuch stammt von Terence Feely, dem wir auch die erstklassige episode "Der Doppelgänger" verdanken. David Tomblin übernahm die regie. Christopher Benjamin (der labour exchange manager in "Die Ankunft") wiederholt seine rolle als Potter aus DANGER MAN. Anders als etwa "Der General" oder "Das Amtssiegel", episoden, die von jemand wie Ian L. Rakoff wenig geschätzt werden, ist diese story ein mit hingabe, teilweise wie ein cartoon inszenierter ulk, der hauptsächlich McGoohans vorgängerserie GEHEIMAUFTRAG FÜR JOHN DRAKE aufs korn nimmt und en passant ebenso JAMES BOND wie auch das zeitgenössische spionagegenre im kino und im fernsehen.

In gewisser weise wird hier aus NUMMER 6 wieder DANGER MAN. Die figuren Nummer Sechs und John Drake verschmelzen und sind nurmehr schwer auseinander zu halten.

Leichte kost? Zwar ist der erzählerische ton leicht, eine art märchen, aber märchen, wie jeder weiß, enthalten oft grausame handlungen. Nummer Sechs erzählt kindern die geschichte des verrückten Schnipps, der nonchalant die nukleare vernichtung von London plant, weil er sich als Deutscher für die niederlage im Zweiten Weltkrieg rächen will. So viel an klischee darf schon sein.

Ist doch Schnipps wie Drax? Chris Gregory vertritt die meinung, die episode sei ein indiz dafür, dass das basisszenario von NUMMER 6 durchaus in verschiedene genres hätte adaptiert werden können (sollte es eine zweite staffel gegeben haben); eine postmoderne übertragung mithin. Bekanntlich wurde das mit dem westerngenre sehr gelungen umgesetzt: "Harmony" ist die amerikanischste episode, "--3-2-1-0" als antipode die britischste. Die episoden entsprechen sich in ihrer gegensätzlichkeit. Alleine Colonel Hawke-Englishe, der charakter mit dem sprechenden namen und das cricketspiel, typischer britisch kann es kaum sein. Dort, uramerikanisch, der wilde westen mit einem namenlosen cowboy, pistolen und petticoats [1].

WELCHER IST WELCHER?
LINKS: JAMES BOND THUNDERBALL - RECHTS: NUMMER 6 "--3-2-1-0"

Und während Patrick McGoohan sich entschied, im finale von NUMMER 6 keinen JAMES-BOND-typischen oberschurken zu entlarven, wimmelt es in "--3-2-1-0" nur so von querverweisen, wenn nicht direkten zitaten auf machtversessene, obskure hintermänner in etlichen populären bildschirm- wie kinoformaten. Ob das alles allein Feelys werk ist oder eher Tomblins eingriff, ist ungewiss.

TB: Das ist sehr ikonisch, wie Sonja so aussieht. Der weiße helm, den alle bewundern, die weißen jeans und alles in weiß, sehr populär bei unseren mitgliedern. Woher stammte das alles?

JUSTINE LORD:
DAS MÄDCHEN,
DAS DER TOD WAR

JL: Nun, das meiste war von Barnums requisiten- und kostümladen in London. Man geht da rein und weiß nicht recht, was man eigentlich sucht. Also versucht man es mal hiermit, mal damit. Einige kostüme sind von dort. Der helm war, glaube ich, aus einem laden auf der Portobello Road oder der King's Road. Und er schien ganz passend zu sein, also haben wir ihn einfach so in der szene genutzt, überhaupt nicht geplant.

TB: Bemerkenswert, es ist ein ikonisches bild und passt so prima zu den anderen kostümen, die szene mit ihnen und einem helm aus dem Ersten Weltkrieg, wie sie versuchen, Patrick zu erwischen.

JL: Ich bin mir sicher, dass die heutzutage sehr selten sind, auch weil man sie so nicht mehr benutzen kann. Heute gibt es sehr viel mehr empfindlichkeiten.

TB: Allerdings, sie haben gesagt, die idee mit dem deutschen helm usw. war gar nicht beabsichtigt oder im drehbuch. Darf ich fragen, ob es absicht war, Kenneth Griffith als Napoleon einzusetzen? Ich meine, dass man zuerst an Hitler als alternative dachte.

JL: Das mag damals ein gedanke gewesen sein, aber das wäre ein bisschen unsensibel gewesen. Wir wissen ja, dass McGoohan ein sehr empfindlicher mensch war [publikumsgelächter]. Aber das ist ein anderes thema. Ich denke, es war absicht, der alte Napoleon-komplex, wie er so war. Aber zur idee mit Hitler, ich glaube nicht, dass ihn irgendjemand hätte spielen können, nicht nach Charlie Chaplin in DER GROSSE DIKTATOR (1940).

TB: Wen, McGoohan oder Ken? [noch mehr gelächter aus dem publikum]

Justine Lord im interview auf der PRISONER-convention 2011 mit Tim Bourne; veröffentlicht im SIX OF ONE mitgliedermagazin "Contact Imminent" 11/2012; aus dem Englischen von Arno Baumgärtel

Und, so Gregory [2]: "Man kann sagen, dass "The Girl Who Was Death" zu einem gewissen grad elemente enthält, die uns darauf vorbereiten, was in den letzten beiden episoden geschieht."

In London geht Nummer Sechs, wie von Potter geraten, in einen plattenladen. Informationen über seine mission, Professor Schnipps aufzuspüren, erhält er dort genau auf dieselbe weise wie das team aus der US-serie MISSION IMPOSSIBLE [3], nämlich von einer schallplatte. Schnipps' vernichtungsplan könnte direkt aus Ian Flemings roman MOONRAKER stammen, wo Bond-widersacher Drax ebenfalls darauf aus ist, London zu zerstören. Im gleichnamigen film geht es dagegen um die existenz der menschheit. Die szene im türkischen bad ist eine kaum kaschierte übernahme aus BONDs THUNDERBALL (deutsch "Feuerball"), mit dem unterschied, dass im film nicht Bond, sondern sein gegner im schwitzkasten sitzt, der mit einem besenstiel verriegelt wird.

Musikalische rakete. Nachdem Nummer Sechs in den raketenstützpunkt eingedrungen ist, läuft auf dem soundtrack, ganz kurz nur, das stück "They are coming" von Mel Young (aka Harry Arnold Persson aus Schweden). Beinahe eine coverversion, es erinnert stark an "When Johnny Comes Marching Home". Schon die zweite begegnung von NUMMER 6 mit Stanley Kubrick. Der markierte 1964 in DR. STRANGELOVE mit dem im marschschritt sich steigernden und hier als instrumentaltitel als "the bomb run" bekannten song aus der zeit des amerikanischen bürgerkriegs die unerbittliche zuspitzung der handlung, als der beschädigte B52-bomber seine atomraketen ins russische ziel zu bringen versucht.

Eric Mival war der verantwortliche für die musikauswahl in den allermeisten episoden, so auch hier. Er schreibt in seiner autobiografie: "Mehr als jeder andere der regisseure der serie war David Tomblin sehr eigen dabei, welche musik wo in seinen episoden verwendet wurde, und er überprüfte alles doppelt. Ich erinnere mich, dass ich mich bei "--3-2-1-0", wo er regie führte, durchsetzen musste, um das, was ich für das beste hielt, zu erreichen. Genau das gegenteil von Pat, der nur reinschaute und sagte: 'ja, das ist gut.'" [4]

Kindheit wird in "Pas de deux" zum zentralen motiv der handlung. Hier, und nur in "--3-2-1-0", sehen wir, wenn auch nur kurz, tatsächlich kinder im Ort [5]. Sie sind nicht teil der gute-nacht-geschichte. Da stellt sich die frage, wie kommen sie dahin? Wurden sie samt ihrer Eltern entführt oder sogar im Ort geboren? Falls letzteres, woher wüssten sie, was ein leuchtturm ist, ein cricketspiel oder ein schallplattenladen, dinge, von denen Nummer Sechs' geschichte erzählt? Es scheint nicht unbedingt selbstverständlich, dass die Village-oberen sich gern den betrieb von kindergärten und ähnlichen einrichtungen aufhalsen und etwa freien zugang zu unterrichtsmitteln und -inhalten gewähren würden. Das könnte begehrlichkeiten wecken.

Der studioset höhle, wie er in "Demaskierung" erscheint, wird hier schon einmal vorgewärmt. Auch der rakete als leuchtturm begegnet man dort wieder. Das bild des im finale explodierenden leuchtturms ist ein augentäuscher, ein gut gemachter trick und bereits für die serie THUNDERBIRDS entstanden, eine zwischen 1964 und 1966 entstandene puppentrickserie mit science-fiction-elementen. Kenneth Griffith hat in "Demaskierung" die seriösere rolle als versammlungspräsident. Masken an der wand des "Tunnel of Love", auf dem rummelplatz, verweisen einerseits auf die ältere episode "Die Anklage", andererseits auf das sich durch die serie ziehende antagonistische farbschema von weiß (der Ort) und schwarz (Nummer Sechs). Die delegierten in "Demaskierung" tragen weiße roben und schwarz-weiß geteilte gesichtsmasken.

Schnipps' tochter Sonia (der name ist nur im abspann zu lesen) tritt überwiegend ganz in weiß auf. Als femme fatale mit riesigem weißen hut beim cricketspiel; im pub mit weißer regenjacke, weißem hut und superlanger weißer zigarettenspitze; im türkischen bad im Mary-Quant-stil [6], weißer minirock, weiße gummistiefel, und als Napoleon-geliebte Josephine im rüschenkleid. Schließlich als stilikone hinter einem maschinengewehr, natürlich in einer weißen fantasieuniform mit ebenfalls weißer pickelhaube.

Germanismen in NUMMER 6 sind nicht selten, aber nicht alle sind so auffallend (und) gelehrt wie das Goethe-zitat durch Nummer Zwei in der titelgebenden episode "Hammer oder Amboss". Und wieder schlägt die synchronfassung einen anderen weg ein.
Da ist der name Schnipps, offensichtlich deutschen ursprungs, und weit ist es akustisch nicht bis zum geläufigeren schmähnamen für Deutsche: Fritz. Vielleicht deshalb, dass die deutsche fassung aus ihm "Dr. Smith" macht. Sehr originell. Dass Schnipps einen Napoleon-komplex haben soll, sorgt hier für eine eigenartige deutsch-französische entente und ist am ehesten damit erklärt, dass sich Briten und Franzosen jahrhundertelang in herzlicher abneigung verbunden waren. Die britische comedytruppe aus der serie Monty Python's Flying Circus hat den Franzosen-komplex im film MONTY PYTHON AND THE HOLY GRAIL (1975; deutsch "Die Ritter der Kokosnuss") gehörig durch den kakao gezogen.
Aber da ist noch mehr. Schnipps sollte nach ersten entwürfen Adolf Hitler sein. Die idee wurde als unangemessen verworfen. Vielleicht aber auch deshalb geändert, weil Kenneth Griffith nach eigenen worten Napoleon bereits früher im theater verkörpert hatte. Sehr fraglich jedenfalls, ob aus einer Führer-variante eine ansprechend zeitgemäße version von SEIN ODER NICHTSEIN (Ernst Lubitsch, 1942) geworden wäre. Sonia trägt jedoch noch eine weiß getünchte pickelhaube im stil der kaiserzeit und wirft mit deutschen handgranaten vom glockenturm nach Nummer Sechs.

In einem pub bestellt Nummer Sechs ein bier. "Sie sind gerade vergiftet worden" besagt das menetekel auf dem grund seines bierglases. Der comic-charakter dieser folge ermöglicht eine sofortige und anscheinend auch sehr wirksame remedur: serious drinking. Die gegenmittel in der reihenfolge der verabreichung:

ORIGINAL
- Brandy
- Whisky
- Wodka
- Drambui
- Tia Maria
- Cointreau
- Grand Marnier
DEUTSCH
- Brandy
- Whisky
- Wodka
- Sherry
- Wermut
- Portwein
- Himbeergeist

Die abweichung vom original ist wohl am besten als domestikation zu beschreiben. Anstatt die spirituosen zu belassen, wie sie sind, werden die vier nach dem wodka durch dem deutschen publikum des jahres 1969 eventuell geläufigere getränke ersetzt. Immerhin eignet sich der himbeergeist am ehesten als "topping" für die im Ort bevorzugte eiscreme - "heute mit erdbeergeschmack".

Und schließlich legt Sonia Nummer Sechs eine bombe in den geisterbahnwagen. Dazu hört man sie aus dem off auf Deutsch: "Auf wiedersehen!" Ein gewisser appeal muss im wiedersehen liegen, wenn es in der serie auf Deutsch benutzt wird. Auch Cobb verabschiedet sich in der "Ankunft" von Nummer Zwei mit "Auf wiedersehen!" - 'Wir sehen uns', nicht wahr? Den mit dem zünden einer bombe verknüpften abschiedsgruß "Auf wiedersehen!" kann man durchaus als schwarzen humor, sarkasmus oder zynismus deuten. Dagegen macht die deutsche version: "Sie werden von mir hören. Bye, bye!" wenig bis keinen sinn: Sie wissen schon, 'wenn sie tot sind, hören sie von mir...' Soll wohl nur nett klingen.

Surrealismus in NUMMER 6 wird im allgemeinen mit "Die Anklage" in verbindung gebracht, eine episode, die nicht zuletzt aufgrund ihrer entstehungsgeschichte, weil fragmentarisch geblieben, genügend leerstellen aufweist, an die man diskurse anlagern kann. Aber auch "--3-2-1-0" ist surreal, eine story, die ohnehin fantasy ist. Schon zu beginn taucht die dame in weiß wie aus dem nichts auf. Direkt neben Potters schuhputzstand nimmt sie kurzerhand den platz einer schaufensterpuppe ein. Ob der ladeninhaber einverstanden war? Oder ist sie eine puppe auf jahresurlaub? Vielleicht ja eine aus der TWILIGHT ZONE [7] ...

GERMANISMEN IN NUMMER 6
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RUMMELPLATZ: KURSAAL FUNFAIR
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ROBERT FAIRCLOUGH: POP UND POLITIK
DAVID STIMPSON: NUMMER 6 - EIN KINDERSPIEL

Die jagd auf das mädchen, das sich "Tod" nennt, führt Nummer Sechs auf einen rummelplatz. Nicht erst seit Ray Bradburys roman "Something Wicked this Way Comes" [8] sind rummelplätze und jahrmärkte orte nicht nur der verführung und täuschung, sondern des schauders und des schreckens, aber auch orte der gefahrlosen ausübung von angstlust. Mit stoischer gelassenheit, nicht ganz das große vorbild Buster Keaton, der mann, der niemals lachte, wandelt Sherlock Nummer Sechs an den attraktionen und fahrgeschäften vorbei und bringt eine achterbahnfahrt hinter sich (McGoohan war nicht am drehschauplatz, er spielt nur vor rückprojektionen). Wegen seiner aufdringlichkeit droht ihm ein modefotograf - dargestellt von Alexis Kanner - schläge an. In einer art geisterbahn, ausgerechnet mit dem namen "Tunnel of Love", entgeht er Sonias anschlag. Eine unheimliche mechanische lachpuppe im matrosenlook, mit weiß gesäumten kragenaufschlägen, zufall oder nicht, dem von Nummer Sechs im Ort getragenen blazer nicht unähnlich, scheint hierbei alle seine schritte zu kommentieren. Hübsche ironie. Doch wiederholte entkommt Sonia ihm. Sie fährt in ihrem Jaguar E-Type davon, Nummer Sechs im Lotus Elan hinterher (surreal: beide auf dem

ZAUBEREI - PSYCHOKINESE - ILLUSIONSMAGIE?

rummelplatz geparkt). Auf der landstraße zeigt die mysteriöse dame in weiß dann, worauf sie sich noch versteht: zauberei, psychokinese, illusionsmagie? Die szene ist nicht ohne vorbild: In "A. B. und C." rückt Nummer Sechs einen vermeintlich schief hängenden spiegel gerade, tatsächlich aber den imaginären raum um sich herum. Als hierfür angemessene musik hat Eric Mival Paul Bonneaus stück "Chasse à courre" ausgewählt. Hexerei? Halali!

ANKUNFT GANZ ANDERS,
DER GLOCKENTURM
SCHON BESETZT

Ankunft in Hexenwald - im geisterörtchen Witchwood. Während man dem serienprolog folgend schlicht "da" ist, handelt es sich hier metaphorisch gesprochen um den schäbigen hintereingang des ansonsten reizvollen Ortes mit seiner vordergründigen ferienidylle. Neuankömmlinge sind alles andere als willkommen, und der zutritt gestaltet sich mühevoll und gefährlich. Besonders wenn sie wie hier nicht das original, sondern nur eine variation auf Nummer Sechs sind - in der serie auch "Mr. X" genannt, nicht wirklich Nummer Sechs, nicht wirklich John Drake. In "Die Ankunft" verschafft Nummer Sechs sich auf dem glockenturm erkenntnisse über seinen aufenthaltsort. Sehen, erkennen und überwachen - der panoptismus des gefängniswesens - sind die wichtigsten motive in NUMMER 6. In "Herzlichen Glückwunsch" ist es ein turm nur im übertragenen sinn, der erhöhte - erhabene - standort auf den kreideklippen. Folgerichtig bietet dieser glockenturm Nummer Sechs diesmal keinen vorteil, denn er ist von Sonia besetzt. Sie empfängt ihn mit MG-salven, bomben und granaten. Die zerstörungsorgie ist für die zeit fernsehgerecht unblutig und materiell fast folgenlos wie die schießerei in "Demaskierung", eher theatralisch als realistisch. Was folgt, sind ein paar skurrile surreale set pieces auf einer virtuellen geisterbahn mit tödlichen fallen für Nummer Sechs in den aufgegebenen werkstätten von

"Brendan Bull - METZGER",
"David Dough - BÄCKER"
 und
"Leonard Snuffit - KERZENMACHER"
.

Von den agentenkollegen John Steed und Emma Peel (MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE) kennen wir ähnliches aus der episode "The House That Jack Built" (1966). Oder auch, zeitgemäßer und im höchsten maße metaphorisch, in der version des prisoneresken films CUBE (1997). Die namen Bull, Dough und Snuffit sind insiderwitze, gemünzt auf Brendan J. Stafford, chefkameramann der serie, David Tomblin, produzent, und Len Harris, kameraoperator. Die berufe des metzgers, bäckers und des kerzenziehers beziehen sich ihrerseits auf den vers eines englischen kinderreims:

Rub-a-dub-dub
Three men in a tub
And who do you think they be?
The Butcher,
the Baker,
The Candlestick Maker...
 [9]

Fernsehen - film - literatur - märchenerzählung - mode - musik - politik - populäre kultur - technik, all das bildet ein teilweise selbstreferenzielles und cross-mediales geflecht von verweisen.

Hexerei? "Diese episode macht einen guten eindruck und steht sehr schön repräsentativ für spät-sechziger fernsehverrücktheiten." [10], schreibt McGoohan-biograf Roger Langley.

Recht hat er.

BRÜDER IM GEISTE: DER REALE ORT NOMANSLAND IN SÜDENGLAND
UND DER FIKTIVE ORT IM HEXENWALD

[1] PISTOLS 'N PETTCOATS war eine sitcom-ähnliche westernserie von 1966 (in Deutschland 1967)
[2] Chris Gregory: THE PRISONER Episode by Episode, https://chrisgregory.org/blog/2009/09/09/the-prisoner-episode-by-episode/#15
[3] MISSION IMPOSSIBLE, deutsch "Kobra - übernehmen sie!", lief seit 1966 im fernsehen.
[4] Eric Mival: "Cutting Edge. My Life In Film And Television", Quoitmedia, 2016, s. 116
[5] Tatsächlich sieht man ein kind als bewohner des ortes in "Harmony", wenn auch nur für eine sekunde und ohne jeden handlungsbezug.
[6] Mary Quant war eine britische modedesignerin. Sie gilt als erfinderin des minirocks und machte das model Twiggy in den 1960er jahren zum superstar.
[7] "Goldfingerhut" ("The After Hours"), eine episode der serie UNWAHRSCHEINLICHE GESCHICHTEN (THE TWILIGHT ZONE) von 1960
[8] Deutsch: "Das Böse kommt auf leisen Sohlen", erschienen 1969, original 1962
[9] Der kinderreim, hier von Roger Langley, wiedergegeben in einem alten SIX OF ONE mitgliedermagazin, hat offenbar transformationen durchgemacht; anfangs waren es "maids", später "men".
[10] Roger Langley, "The Prisoner From the Inside; s. 153; Escape Publication, 2010

Alle übersetzungen aus dem Englischen von Arno Baumgärtel


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